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Welches Studium könnte anregender sein als das der Mathematik,
in ihren theoretischen oder praktischen Teilen.

So herrlich ist die Mathematik, dass die ganze Seifenblasenpracht
und das kindliche Schauspiel des Reichtums, damit verglichen, nichts ist.

Robert Burton, Die Anatomie der Melancholie, 1651

Zehn Regeln
und ein ergänzender Hinweis,
um die Freude am Mathematikunterricht
gründlich zu verderben
zu fördern

Regel 1

Mathematisieren Sie immer, wenn es nur eben möglich ist.

Aus Motivationsgründen ist es wichtig, zu Beginn einer neuen Reihe mit einem Anwendungsbeispiel, also einer Mathematisierung, zu starten. Diese kann und soll durchaus nicht zu einfach sein. Das unterstreicht die Bedeutung des Themas. Denn letztlich geht es doch immer um das Nützliche, das Brauchbare und die Anwendung, also ums liebe Geld.  Schule als Muße ist Schnee von gestern.
Nehmen  Sie etwa das Tangentenproblem in Angriff, so starten Sie selbstverständlich mit dem Begriff der Geschwindigkeit. Wer Geschwindigkeit noch nicht durchschaut hat, also fast alle, lernt sie so, und als Abfall kommen dann noch die Tangentensteigung, der Differentialquotient und Grenzwerte heraus: Effektivität zeichnet gute Unterrichtsplanung aus, allemal in der neuen Schullandschaft.
Beachten Sie in diesem Zusammenhang vor allem auch die Regel 7.

Regel 2

Wenn Sie gefragt werden, wozu das alle gut ist, antworten Sie, das kriegen wir demnächst.

Diese Antwort ist für einen Kurs durchaus erschöpfend. Jede andere Antwort wäre zwar umfassender, aber leider auch zeitaufwendiger. Zeit ist aber..., siehe oben.

Regel 3

Gehen Sie zu Beginn eines neuen Themas immer fragend-entwickelnd vor, auch wenn Schülerinnen und Schüler  von dem Thema definitiv noch nichts wissen können.

Sokrates hat es uns allen so vorgemacht, und so haben wir alle es wohl einmal gelernt.

Regel 4

Machen Sie an der Tafel alles selber.

Ein ganz wesentliches Element mathematischen Tuns ist der sorgfältige Umgang mit unserer Fachsprache. Diese sollte in präziser Form an der Tafel erscheinen, und das können Schülerinnen etc. naturgemäß nicht ohne unsere Hilfe leisten. Machen Sie also alles selber, sonst prägen sich falsche Vorstellungen ein.
Wenn Sie schon eine Schülerin oder...  -  Sie wissen schon - an die Tafel holen, korrigieren Sie von hinten präzise. Schiedsrichter lassen auch keinen Verstoß zu. Ein wesentliches Element korrekter Fachsprache ist z. B. das Äquivalenzzeichen. Wenn es irgendwo hingehört, sollte es denn also durchaus da stehen, auch wenn es mit der Zeit bei Schülerinnen etc. das Gleichheitszeichen, welches an sich heilig ist, verdrängt und unsere Schülerinnen etc. die Zusammenhänge bisweilen nicht ganz realisieren.

Regel 5

Artikulieren Sie Ihre inhaltlichen Vorstellungen bezüglich der anstehenden Klassenarbeit nicht zu präzise.

Wenn Schülerinnen etc. nicht genau wissen, wie sie sich vorbereiten sollen, hat das etwas Stochastisches, also etwas Mathematisches.

Regel 6

Verwenden Sie sehr, sehr oft Arbeitsblätter.

Wir beherzigen hier zu recht eine Einsicht aus der moderneren Papierdidaktik: Die Regel wird sehr erfolgreich auch in anderen Ländern beherzigt.  Das Arbeitsblatt führt in besonderem Maße zu Schüleraktivitäten, viele Arbeitsblätter führen also zu noch mehr Schüleraktivität, nicht – wie man fälschlich meinen könnte -  zu Eintönigkeit  im Unterricht.
In diesem Sinne fällt Päckchenrechnen in die Kategorie Papierdidaktik: Päckchen werden ja häufig in Papier verpackt.

Regel 7

Stellen Sie die Theorie in den Vordergrund, nicht die Beispiele.

Mathematik ist schließlich etwas Theoretisches. Wenn Sie dennoch mit Beispielen beginnen wollen, wählen Sie keine allzu schlichten.
Wenn Sie – siehe oben - doch vor dem Differenzenquotienten Grenzwerte behandeln wollen, was nicht der modernen didaktischen Sicht entspricht, beginnen Sie etwa mit dem rekursiv definierten Erkalten einer Tasse Kaffee. Jeder weiß, irgendwann kommt der Grenzwert: Der Kaffee wird kalt. Wir haben hier eine erhöhte Anschaulichkeit, die etwa bei der Folge Eine Folge, unter dem Grenzwertaspekt in diesem Maße so nicht gegeben ist.
Dieses schöne Beispiel ist leider kein Werk des Mathetreffs, sondern wurde einem gängigen Lehrbuch entnommen. Nur zur Sicherheit sei noch am Rande erwähnt, dass es in dieser Mathematisierung nicht primär um den zweiten Hauptsatz der Wärmelehre geht.

Regel 8

Arbeiten Sie nicht mit dem eingeführten Lehrbuch. Verwenden Sie Ihre eigenen Ausarbeitungen.

In Ihre eigenen Ausarbeitungen haben Sie viel Liebe gesteckt, und diese Liebe soll sich – und wird sich – dann auch auf den Unterricht übertragen und so schließlich auszahlen.

Regel 9

Gehen Sie  vor anstehenden zentralen Prüfungen ausschließlich nach der tttt(= teaching to the test)-Methode vor.

Machen Sie in tttt-Phasen insbesondere keine Schlenker zu eher allgemeinbildenden Themen.  Das lenkt nur ab. Zudem erfahren Kurse so konzentrierte Arbeit und Zielorientiertheit, vor allem kommt keine Langeweile auf.

Regel 10

Legen Sie Wert auf die gepflegte Zunge.

Was für die Tafel gilt, ist auch für das Fachgespräch in der Klasse zentral: Im Vordergrund steht die korrekte mathematische Ausdrucksweise,  korrigieren Sie also sofort jeden Schülerbeitrag. Wenn dann auf Schülerseite Stille entsteht, wird auch nichts Falsches oder Ungenaues mehr gesagt.

und nun der schon erwähnte ergänzende

Hinweis

Bringen Sie auch Ihre persönlichen und charakterlichen Eigenarten mit in das Unterrichtsgeschehen ein. So bekommt Ihr Unterricht einen individuellen Touch.

Machen Sie etwa bei zu erwartenden Schülerdefiziten aus Ihrem Herzen keine Mördergrube.  Zeigen Sie Emotionen, unsachliche Reaktionen haben auch ihre Sachlichkeit. Ein Wutanfall kann durchaus das Verstehen quadratischer Gleichungen beschleunigen.

1-4-2014

(nev)

 
 
Friday, 24. November 2017 / 10:15:12