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Mathe-Treff Blick über den Zaun - Österreich

Von Düsseldorf nach Wien:Mathematik unterrichten in Österreich

Foto von Adelheid Gieseke von BerghUnsere Kollegin Adelheid Giesecke von Bergh, Mathematiklehrerin mit viel Erfahrung und langjährige Redakteurin des Mathetreffs verzog – leider - von Hamminkeln nach Wien und blickt nun auf ein Jahr Unterricht an einer Wiener Schule zurück. Man könnte denken: Nun ja - die Mathematik ist die gleiche, also ist auch der Unterricht im Prinzip der gleiche. Nur das Wort wird mit Mathemátik anders betont. Aber es ist nicht so, lesen Sie selbst.

Ja, wir sprechen zwar eigentlich eine Sprache und doch ist der (Mathematik)unterricht in Österreich ebenso wie die Sprache etwas anders.

Man vergleicht besser nicht Erbsen mit Bohnen, nur weil beides Hülsenfrüchte sind.

Einige Dinge sind mir im Laufe meines ersten Jahres im Österreichischen Schulsystem aufgefallen:

Nach einem Jahr an einer Kooperativen Mittelschule in der Innenstadt von Wien ( das entspricht einer Hauptschule in NRW) möchte ich nicht unterschiedliche Systeme miteinander vergleichen; ich hatte bis dahin an einer Realschule in NRW auf dem Lande unterrichtet, aber ein paar Erlebnisse  könnten beim Leser doch zum Schmunzeln führen.

Nicht nur, dass es in Österreich nur fünf Notenstufen gibt, ein genügend (das entspricht dem ausreichend) wird schon als großes Problem gesehen. Sprechen die Schüler von einem Fetzen (das ist nicht etwa ein Stoffstück!) hat man „einen Fünfer“ bekommen.

Selbst die Mathematik ist in Österreich „anders“. Mit der für uns normalen schriftlichen Division kommen die Schüler nicht zurecht, sie behaupten, dass sei die polnische Division.  Hier dividiert man eigentlich genauso, lässt nur den „ Rückweg“ beim „Anschreiben“ (statt aufschreiben) weg und subtrahiert sofort im Kopf: kürzere Schreibweise, geistige Höchstleistungen!

Der PLS (eine mir bis dato unbekannte Abkürzung) ist mir „heuer“ in Fleisch und Blut übergegangen, meiner Klasse hoffentlich auch. Sie können nicht folgen? Ganz einfach, es ist der Pythagoreische Lehrsatz). Das Geraden wenn sie „normal“ stehen, rechtwinkelig aufeinander stehen, hab ich auch schnell begriffen, Winkel über 180° sind nicht überstumpf sondern erhaben!

 „Ich kenne mich nicht aus“ ist die Standardäußerung, wenn man in Deutschland „Hab ich nicht verstanden“ hören würde.

Ausgekannt habe ich mich auch nicht, als ich hier in der Schule begonnen habe.

An den regelmäßigen Tafelanschrieb: 1. Schulübung  (SÜ), Datum… , habe ich mich gewöhnt, ich bin in meiner 4. Klasse (das entspricht der 8. Klasse in NRW)  jetzt bei der laufenden Nummer 79 und werde bis zum Schuljahresende wohl noch die 90 schaffen. Es gibt Kollegen, die schon die Hundert überschritten haben, wie – das ist mir ein Rätsel.  Wehe man vertut sich in der Nummerierung, dann kommen laute Proteste. Vorteilhaft sind die Nummern durchaus, da die SchülerInnen theoretisch fehlende SÜ nachschreiben müssen; das wird verlangt, passiert aber nicht immer wirklich.  Der Aussage: „Ein solches Beispiel hatten wir in SÜ 34“ reicht völlig, um das Argument nach einer Schularbeit: „Das haben wir nicht durchgenommen“  zu entschärfen. Das sehen dann sogar die Eltern ein. Allerdings müssen auch alle Formeln, Merksätze etc. ins Schulübungsheft, denn Hausübungen müssen bei Fehlen – außer man hat sie vergessen – nicht „nachgebracht“ werden.

Die SchülerInnen verfügen hier über mindestens drei Hefte in schriftlichen Fächern, in eins werden nur die Schulübungen geschrieben (natürlich mit Nummer s.o.), zwei weitere mit unterschiedlich „färbigen“ Einband  dienen als Hausübungshefte, damit sie wechselseitig „abgesammelt“ werden können. Man muss die Farbe des HÜ – Heftes für die gestellte HÜ „ansagen“, sonst kennen sich die Schüler nicht aus.

Dinge, die nicht im Schulübungsheft stehen, dürfen in den Schularbeiten, also den Klassenarbeiten, nicht vorkommen, auch muss der Unterrichtsstoff detailliert spätestens eine Woche vorab zur Unterschrift für die Eltern ins Mitteilungsheft geschrieben werden. Das erleichtert auch die Arbeit der Nachhilfelehrer, man ist ja schließlich Kollege.  Diese Unterschriften müssen kontrolliert und „abgehakerlt“ werden. Überhaupt ist das „Abhakerln“ eine dauernde Lehrerbeschäfigungs-Maßnahme, alles muss praktisch mit „Hakerln“ versehen werden.

Bei kontollierten HÜ (Hausübungen) reichen die „Hakerl“ nicht, die Schüler wollen einen Kommentar, der aber durchaus nicht inhaltlich sein muss, sie freuen sich auch über: sauber doppelt unterstrichen, schön geschrieben…. Dafür möchten sie dann aber eine gute Mathe – Note haben. Überhaupt die Hausübungen: Wenn man den Satz hört:„ Ich habe aber alle HÜ gebracht, dann müssen Sie mir auch einen „Zweier“ dafür geben!“, ist man zunächst erstaunt, aber für die Schüler ist das „Bringen der HÜ“, egal in welchem Zustand und in welchem Korrektheitsgrad,  bereits eine Leistung, die nur mit mindestens gut bewertet werden kann.

Die Unterrichtsstunden dauern hier 50 Minuten, ich habe den Zeitrahmen nach 20 Jahren Schule in Deutschland noch nicht völlig verinnerlicht, so bleibt mir eigentlich immer genug Zeit am Stundenende,  die HÜ anzuschreiben, ins Klassenbuch (nur einmal wöchentlich, welch Luxus!) einzutragen oder „Hakerl“ zu machen. Wie es werden wird, wenn ich mich an die 50 Minuten gewöhnt habe, weiß ich noch nicht, denn in dem Moment, wo es „läutet“ ist, egal was passiert, die Stunde beendet.

Auch sonst ist manches einfach anders und war z.T. gewöhnungsbedürftig für mich. Dass eine Sporthalle ein Turnsaal ist, lasse ich mir ja gefallen, dass ich statt Erdkunde  Wirtschaft und Geographie unterrichte auch, aber mit den „Gegenständen“ = Unterrichtsfächern BE =Bildnerische Erziehung , TxW Textiles Werken und TW (technisches Werken) sowie DG =Darstellende Geometrie hab ich mich anfangs nicht ausgekannt. Angenehm war für mich die Tatsache, dass zwei der vier Mathematikstunden im Team unterrichtet werden, wegen der besseren Förderung der Schüler. Meine Teamkollegin hat mir anfangs viele Dinge „angesagt“ und war sehr hilfsbereit und hat manches Missverständnis zwischen den Schülern und mir aufgefangen.

Die Mitteilung im Lehrerzimmer Mitte November, dass „ab jetzt wegen des schlechten Wetters und der Vorbildfunktion auch die LehrerInnen mit Hausschuhen (hier sagt man „Patschen“ mit weichem B gesprochen) in die Klassenräume gehen sollen“, hat bei mir dann doch Erstaunen hervorgerufen.  Nun ist es so, dass eine Wiener Innenstadtschule in der Regel selten über einen Schulhof verfügt, d.h. die SchülerInnern verbringen den ganzen Vormittag im Klassenraum, es sei denn, sie gehen in der 10 Uhr-Pause - das ist die einzige 15 Min. Pause -  zum Buffet.

Die Schüler treffen ab 7:45 in der Schule ein, gehen zu ihrem Schrank, der sich „Kasten“ nennt, tauschen ihre Schuhe gegen Patschen um, suchen die gelagerten Unterrichtsmaterialien zusammen und begeben sich dann in den Klassenraum. Hier werden die „Sessel“ - das sind die schulüblichen Stühle, sie haben durchaus nicht den Komfort eines Wohnzimmersessels, den ich mir dabei vorstellte -  von den Tischen gehoben und man macht es sich bequem. Die Kästen im Gang (der Begriff „Flur“ wird hier nur in der Kombination Wald und Flur  verwandt)  sind mit Vorhängeschlössern gesichert, aber die Ausrede, „ich habe meinen Schlüssel nicht mit“ zählt nicht, dann müssen sie eine riesige Kneifzange aus dem Lehrerzimmer holen und das Schloss knacken. Die Zange ist das meist gefragte Utensil des Lehrerzimmers.

Regelmäßig kommen „Läufer“ durch die Klasse, um Mitteilungen z.B. über ausfallende Stunden, Nachmittagsunterricht, unverbindliche Übungen (= AG`s)  anzusagen, die dann natürlich an die Tafel „angeschrieben“ werden müssen, anschließend ins Mitteilungsheft geschrieben und mit U:___ versehen werden müssen, damit die Eltern wissen, wo sie unterschreiben sollen. Dass die Unterschriften kontrolliert und abgehakerlt werden sollten, versteht sich von selbst.

Vielleicht noch etwas von meiner ersten Lehrerkonferenz: Der Schulleiter (sprich „der Herr Direktor“ (so wird es auch gesagt, wenn man von ihm spricht) teilte dem erfreuten Kollegium mit,  dass der Rudolfspark wieder eröffnet sei und man dort also auch wieder mit den Klassen hingehen könne, aber leider gäbe es dort keinen Käfig mehr. Ich muss wohl ziemlich dämlich geschaut haben, denn ein netter Kollege meinte darauf: „ Nur zur Erklärung für die bundesdeutsche Kollegin.  Keine Sorge, wir sperren unsere Schüler hier nicht in Käfige ein, besonders nicht, wenn wir sie zwecks Bewegung in den Park bringen; das sind Sportkäfige, in denen Ballspiele stattfinden können, ohne dass die Bälle auf die Straßen rollen“.

Aber sonst ist Schule hier eben Schule, und „passt scho“ meint „es ist ok“. Für mich gilt nach einem Jahr Österreich genau dies: „passt scho“.

Adelheid Giesecke von Bergh

 
 
Friday, 17. November 2017 / 18:11:31