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Mathe-Treff: Blick über den Zaun
Besuch einer amerikanischen High School - Vorurteile, Wirklichkeit, Anstösse...
Bärbel Barzel (Düsseldorf)

Im Rahmen einer Tagung für Mathematiklehrerinnen und –lehrer von Teachers Teaching with Technology (T3) hatte ich die Gelegenheit, eine amerikanische High School zu besuchen. Liegt es an mir, ist es "typisch deutsch" oder typisch Lehrer/Lehrerin, dass ich schon voller Vorurteile war, bevor ich überhaupt dorthin ging? Niedriges Niveau, oberflächliche Behandlung von Themen, Schülermaterialen im Sinne des programmierten Lernens, "All is wonderful" – Mentalität und das alles gewürzt mit den Nachrichten-Highlights von gewalttätigen Kindern und Jugendlichen in amerikanischen Schulen, so lauteten diese Vorurteile und damit war ich nicht alleine. Viele der vierzig internationalen Tagungsgäste, die mit mir die High School besuchten, hegten ähnliche Gedanken. Unser Besuchs-Programm war straff durchorganisiert, denn schließlich sollten wir alle Besonderheiten dieser Schule kennen lernen. Und davon gab es viele und überzeugende.

Beim Betreten des Gebäudes lasen wir über der Eingangstür in großen Lettern:
"Through these doors walk the brightest stars our state can offer!" Solche und ähnliche Sprüche zierten viele Wände in der Schule und sie waren alle im gleichen Tenor gehalten: Positives Denken, das Beste geben, Selbstvertrauen haben, ...und vor allem stolz darauf sein, an dieser Schule lehren und lernen zu dürfen! Ein polnischer Kollege meinte: "Das ist wie bei uns in alten Zeiten!" Damit wurden unsere Vorurteile erst einmal bestätigt und unsere Skepsis wuchs. Doch im Laufe unseres Besuches wich diese Skepsis immer mehr einem ganz anderen Eindruck: Dass die "South Grand Prairies High School" eine hervorragende Schule ist, von der man durchaus Einiges lernen kann.

Die South Grand Prairies High School ist eine öffentliche Schule in einem gemischten sozialen Umfeld. Sie hat wegen ihres herausragenden Unterrichtkonzeptes und Schulprogramms einen Preis gewonnen und darf sich nun zusammen mit 29 anderen High Schools in USA "New American High School" nennen. Insofern gehört diese Schule sicher nicht zum durchschnittlichen Standard amerikanischer Schulen. Andererseits zeigt es aber, dass auch eine ganz normale Schule "überdurchschnittlich" gut werden kann. Und genau diese Botschaft wollte man uns vermitteln, darauf ist man stolz.

Im folgenden nun konkrete Beobachtungen, die wir als Gäste in dieser Schule gemacht haben:

Grundsätzliches:

  • Da ist zunächst die große Gastfreundschaft und Offenheit, mit der wir empfangen wurden und mit der uns jede Unterrichtstür im wahrsten Sinne des Wortes offen stand. Der Wunsch nach Austausch und Diskussion über ihre Konzepte war sowohl bei Lehrerinnen und Lehrern als auch bei Schülerinnen und Schülern außerordentlich hoch.
  • Die Atmosphäre war ausgesprochen positiv und wohltuend, das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern war getragen von gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Das hört sich sehr normal an – aber es fiel auf! Auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern bemerkten dies und wir regten mit den Kollegen vor Ort ein Gespräch darüber an. Dabei wurde die Überzeugung deutlich, dass Unterrichtsstörungen und Lernschwierigkeiten kein böser Wille der Schüler sind, sondern immer eine Ursache haben, an der man gemeinsam (und vor allem als Lehrer) arbeiten sollte. Auch dies klingt vertraut, war aber dennoch vorbildlich und auffällig. Diese Atmosphäre ist wohl die positive Kehrseite der vielen aufmunternden Sprüche an den Wänden, die uns eher skeptisch machten.
  • Jede Lehrerin hat ihren bzw. jeder Lehrer hat seinen eigenen Klassenraum. Die Schülerinnen und Schüler kommen zu ihren Lehrern, sie "wandern" nach jeder Stunde in einen anderen Raum, nicht die Lehrerinnen und Lehrer. Der Vorteil ist nicht zu übersehen: Die Räume sind bemerkenswert gut gestaltet und gepflegt. Durch Modelle, Lernplakate, kleine Bibliotheken und Medienecken wird eine anregende Lernumgebung geschaffen. Diese erinnert sehr an die Klassenräume, die wir von Grundschulen her kennen.
  • Es gibt ein Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler, das perfekt organisiert zu sein scheint. Es ist alleine bemerkenswert, dass hierfür selbstverständlich viel Raum und Kapazität geschaffen wird. Der eigentliche Stellenwert wurde uns jedoch erst deutlich, als wir erfuhren, wie dieses Beratungszentrum genutzt wird. "Eine Schülerin bzw. ein Schüler kann jederzeit hierhin – dies hat Vorrang vor allem anderen, auch vor Unterricht," lautete die offensichtlich sehr ernsthafte Erklärung. Der Gedanke, dass ein solcher Besuch ausgenutzt wird, um dem Unterricht fern zu bleiben, schien völlig fremd.
  • Täglich um 11Uhr werden von allen Klassen gleichzeitig Nachrichten angeschaut. Als "Vorspann" werden zunächst Neuigkeiten aus der Schule berichtet. Die Videos dazu werden im schuleigenen Studio erstellt. Die Nachrichten selber sind von großen Firmen wie Coca-Cola gesponsert und in Sprache und Struktur auf Jugendliche ausgerichtet.

Technische Ausstattung:

Die technische Ausstattung der Schule hat uns nicht nur den Neid in die Augen getrieben, sondern auch viele interessante Möglichkeiten aufgezeigt:

  • Jeder Raum ist mit einer Medienecke ausgestattet. Dazu zählt zumindest ein PC mit Internet-Anschluss und ein Fernsehgerät, über das auch Bilder vom PC-Bildschirm übertragen werden können. In Mathematikklassen gibt es zusätzlich auch Klassensätze symbolischer Taschenrechner, ebenfalls mit festinstallierter Projektionsmöglichkeit.
  • Neben den klassischen Fächern gibt es verschiedene Werkstätten für den "Kreativbereich". Neben vielen künstlerischen Werkstätten fielen besonders eine Theaterwerkstatt, ein Planetarium, eine Autolackiererei, eine Kosmetikabteilung und ein Filmstudio auf. Besonders bemerkenswert war eine Technikwerkstatt, in der die Schülerinnen und Schüler in einem Halbjahreskurs unterschiedliche Technikbereiche kennen lernen konnten, zum Beispiel Legotechnik, Arbeiten in einem Windkanal, Computeraided Design (CAD), ein Architekturprogramm, verschiedene Simulationsprogramme. Dieser Kurs dient als Grundlage für die Entscheidung eines individuellen Spezialgebietes, das dann im darauffolgenden Halbjahr belegt werden muss.
  • Selbstverständlich hat die Schule eine eigene Homepage: http://www.gpisd.org/gpisd/schools/highschool/sgphs/Default.htm

Zum Unterricht:

  • Der Unterricht an dieser Schule erfolgte ausschließlich in Gruppenarbeit. Es gibt in den USA ein breites Spektrum an Schülermaterialien, die zum selbstständigen Durcharbeiten gedacht sind. Diese Materialien wertete ich bisher in erster Linie als Hilfen zum programmierten Lernen bzw. bloßes "Lückenfüllen" ab. Die Beispiele, die wir dort erlebt haben, zeugten jedoch von einem anderen Verständnis von selbstständigem Arbeiten. Ein Lehrer, der dort seit zwei Jahren nach dem neuen Schulkonzept unterrichtet, konnte unsere Vorurteile gegenüber programmiertem Lernen verstehen, wollte aber unterschieden wissen zwischen den einzelnen Materialien. Das von ihm benutzte Material von "CPM" enthält bewusst offene Fragestellungen im Sinne eines "open-ended approach" und ist nach zentralen Ideen strukturiert. So arbeitete zum Beispiel eine Gruppe von Schülern am "Inversen", wobei hier parallel inverse Matrizen und inverse Funktionen bearbeitet wurden. Inwieweit dieser Gedanke konsequent realisiert ist, kann ein genauerer Blick auf diese Materialien zeigen. Informationen dazu findet man auf der Homepage www.cpm.org.
  • Die Rolle des Lehrers und der Lehrerin ist eine völlig andere. Neben dem Sichten und Zusammenstellen der Lerneinheiten besteht die Hauptaufgabe im Assistieren und Moderieren. Alle Kolleginnen und Kollegen erlebten dies als ausgesprochen angenehm und entlastend. Hervorgehoben wurde, dass der fachliche Austausch mit einzelnen Schülerinnen und Schülern viel intensiver und breiter geworden ist.
  • Nach jeder Lerneinheit gibt es sowohl einen individuellen Test als auch einen Team-Test, die gleichwertig in die Note einfließen.
  • In einer Gruppe arbeiten bis zu 4 Schülerinnen und Schüler. Das Mobiliar ist darauf ausgerichtet, in vielen Klassen gibt es nur noch 4er Tische. Die Gruppen werden nach jeder Lerneinheit neu vom Lehrer zusammen gestellt. Dabei sind es nicht immer die gleichen Kriterien, die den Ausschlag zur Gruppenbildung geben. Die Schülerinnen und Schüler sahen sowohl die Arbeitsform als auch den ständigen Wechsel der Gruppe als sehr positiv an. Unsere Argumente der Eintönigkeit wurden eher belächelt und die eigene Unterrichtskultur gegenüber dem Frontalunterricht als deutlich besser und effektiver herausgestellt.

Insgesamt war dieser Besuch sehr aufschlussreich. Der Blick über den Tellerrand hat viele Anregungen gegeben und vor allem zur Reflexion der eigenen Situation und Gewohnheiten angestoßen.

Zwei Fragen stellen sich mir nach diesem Besuch:

  • Welche Aspekte könnte man auf unsere Situation übertragen?
  • Welche Aspekte sollte man übertragen?

Diese beiden Fragen gaben den Anlass zu diesem Schreiben und über Kritik und Diskussion würde ich mich sehr freuen.