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Mathe-Treff Magazin: Literatur-Tipp

Der Kodex des Archimedes

Buchcover Kodex des ArchimedesAm Donnerstag, dem 29. Oktober 1998, wurde bei Christie´s in New York ein kleines hässliches Buch mit Gebeten aus dem dreizehnten Jahrhundert von einem Unbekannten für sage und schreibe 2,2 Millionen Dollar ersteigert. Unter den Gebetestexten war ein anderer Text mit vielleicht mathematischen Zeichnungen blass zu erkennen. Mehr...

Im vorigen Jahr erschien ein Buch mit dem Titel

Der Kodex des Archimedes
von Reviel Netz und William Noel
Dritte Auflage 2008
München

Es ist die Geschichte der Entschlüsselung eines Palimpsests, also eines Pergaments, das zweimal beschrieben wurden. Die Seiten enthielten zunächst i. w. Texte des griechischen Mathematikers Archimedes, die dann aber abgeschabt wurden, um ein zweites Mal verwendet werden zu können. Die beiden Verfasser des Buches sind Experten für alte Bücher. Reviel Netz ist Professor altgriechische Sprache und antike Wissenschaft an der Stanford-Universität. William Noel arbeitet an einem Museum in Baltimore. Ein ganzes Team von Experten - Gräzisten, Konservatoren, Mathematik-Historiker und Fachleute für modernste Bildgebungsverfahren - befasste sich mit der Sichtbarmachung und Entschlüsselung des abgeschabten Textes.

Und warum der Aufwand? Archimedes lebte 287 v. Chr. bis 212 v. Chr. in Syrakus und wurde der Sage nach bei der Erstürmung von Syrakus von einem römischen Legionär ermordet. Während die Elemente von Euklid aber von vielen verstanden und demnach geschätzt und sorgfältig überliefert wurden, ging es den Schriften von Archimedes anders: Er war vermutlich der erste, der mit infinitesimalen Methoden arbeitete. Da konnten viele eher nicht folgen, und seine Texte hatten nur geringe Überlebenschancen. In der Geschichte der Mathematik weiß man also über sein Denken nur z. T. Bescheid, und das rechtfertigt des Forschungsaufwand. Kultur hat oft mit Geschichte zu tun und ihren Preis.

Einen gewissen Einblick in die Forschung an dem Kodex erhält man unter www.archimedespalimpsest.org

Das Buch ist ein Wissenschaftskrimi über das Leben von Archimedes, über die Wissenschaftler, die an dem Palimpsest gearbeitet haben und arbeiten und über die Ideen eines genialen Mathematikers, der vor 2200 Jahren lebte. Und das Buch enthält Passagen, über die man ins Nachdenken kommen kann. Etwa diese: ... und bevor Sie es bemerken, knebelt diese reine Spekulation das physikalische Universum und zwingt es, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten. Ich betone es nochmals: Kein Experiment war für diese Schlussfolgerung notwendig. Der Geist herrscht über die Materie, denn letztendlich muss sich auch die geistlose Materie der Logik beugen ( S. 149). Was hätte Richard Feynman wohl dazu gesagt?

Der Grabstein von Archimedes ist verschwunden; Cicero jedoch hat ihn vermutlich noch gesehen. Vielleicht war auf ihm das obige bescheidene Emblem.(nev)

 
 
Wednesday, 22. November 2017 / 08:19:52