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Mathe-Treff: Magazin - Glosse
Kalte Füße, wenn es um die Antarktis geht

Jetzt machen Sie doch mal mit sich selbst einen Test, der Niveau hat und bei dem Sie nicht unter Viererlei mit Hilfe von guten Bekannten herausfinden müssen, wer damals das dritte Tor geschossen hat. Also, wie groß ist die Antarktis? Um das zu klären, ertappe ich mich doch tatsächlich dabei, wie ich in Encarta gehe und mir die Fläche der Antarktis einfach so sagen lasse. Mit der Zahl kann ich natürlich nichts anfangen, also suche ich mir auch noch die Größe von Schottland, da ich ja nun mal Schottlandfan bin und vergleiche die Zahlen. Resultat: Schottland ist riesig und die Antarktis auch, wenn auch größer.

Nicht völlig unzufrieden mit mir, genehmige ich mir gerade schon zur Belohnung einen Apfel, da kommt mir die richtige Lösung in der ostwestfälisch-pisageschulten Variante auf den Tisch: Als mathematisch denkender Mensch, der ich ja vielleicht leider doch nicht in befriedigendem Maße bin, hätte ich besser im Atlas ein Rechteck um die Antarktis gemacht und ihre Größe völlig falsch, aber mit der mathematischer Methode Länge mal Breite ausgerechnet, richtig, es gibt selbstverständlich auch noch den Maßstab. Die so ermittelte Zahl hätte ich nicht einmal mehr mit der Größe meines Gartens vergleichen müssen, was wegen der hier zu Grunde liegenden Methodenaffinität nahe läge, da auch er rechteckig ist. Das Rechteckverfahren, einmal angewendet, hätte schon gereicht. Außerdem habe ich in meiner Vergangenheit offensichtlich, so lese ich, richtig Glück gehabt, weil mich in meinem ganz realen beruflichen oder privaten Kontext noch keiner mit solchen Fragen konfrontiert hat, während das im Ostwestfälischen je wohl ständig passiert.

Und da ich nun schon an meinem Apfel kaue, nehme ich mir denn doch noch einmal die Apfelaufgabe vor und lese mit inneren Schreck, dass sie musterhaft zeigt, wie die Wechselbeziehung zwischen Mathematik und Welt aussieht. Obstgärten sind natürlich auch rechteckig. Wenn ich ein zeitgemäßer Lehrer werden will, habe ich wohl an mir noch Umdenkarbeit zu leisten.

Was mache ich nun, um aus dieser meiner ergebnisorientierten Sicht der Mathematik endlich heraus zu kommen? Ich verabschiede mich von linearen und exponentiellen Modellen, kleckse Tinte auf mein Schmierblatt und schätze die Fläche mit Kästchenpaper ab, anstatt völlig unrealistische, geradezu idealisierte und nur ausgedachte Flächen mit Integralen zu berechnen, die fernab der Welt höchstens irgendwo in Wolkenkuckucksheim herumschweben. Das Bodenständige in der Mathematik leuchtet auch mir langsam ein, ich mache mir einfach klar, dass das alles spannende Fragestellungen sind. So ein Klecks hat doch einen ganz anderen Wirklichkeitsbezug.

Außerdem werde ich mal wieder Freudenthal lesen, Freudenthal hilft mir bestimmt in meinem Jammertal.

Dann habe ich noch eine Therapie für mich: In den von mir aus gegebenem Grund heißersehnten Standards wird ja sicher stehen, was wir demnächst unterrichten sollen, damit alles besser wird. Und das mache ich dann auch.

Wie immer trotz allem mit optimistischem Blick in die Zukunft unseres Gewerbes,
Ihr Joachim Rhone.