brlogo
untitled
   
   
   
   
 

Mathe-Treff: Magazin - Glosse
Die 1/27-Theorie

Nehmen wir einmal an, dass 1/3 aller Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs eine sogenannte weiterführende Schule besucht, und nehmen wir zudem an, dass von diesen dann später 1/3 einen LK in Mathematik wählt und setzen wir nun noch voraus, dass in einem LK ca. 1/3 der Teilnehmer im engeren Sinne mathematisch begabt ist, dann wird klar, was ich mit der 1/27-Theorie meine: 3,7% unserer jungen Leute wären im engeren Sinne mathematisch begabt - und damit statistisch punkthochgeschätzt wir alle, die wir ja schließlich auch einmal jung waren. Übrigens auf den genannten Nenner bin ich nicht nennenswert erpicht, ich könnte mir auch einen anderen vorstellen, der nominell etwas kleiner oder größer wäre.

Das, nun noch weiter gedacht, bedeutet, dass sich vermutlich nur dieser kleine Prozentsatz von Leuten der zweiten, der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kultur zugehörig fühlt und dass diese Minderheit sich wiederum nicht einmal auf Cocktailparties gerne outet, weil sie natürlich schief angesehen wird, wie leider jede Minderheit. Trotzdem hängt an ihr der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt.

Meine kleine Theorie berunruhigt mich also. Und zwar die meisten Sorgen macht mir die Reaktion meiner Kolleginnen und Kollegen, die mir nicht so vehement widersprechen, wie ich gehofft hatte, obwohl die Theorie ja behauptet, dass 26/27 von uns im engeren Sinne in Mathematik reduzierte Chancen haben. Ich denke aber auch manchmal an den schönen Streit, den es damals gab, als Hans Werner Heymann sein Buch veröffentlichte. Erinnern Sie sich noch daran? Da konnte wirklich jeder mit Genuss sagen, dass er es doch ganz anders sieht. Keine Sorge, wenn sich jetzt ein kleiner Widerspruch auftut, das kennen wir Mathematiker ja. Was wäre die Mathematik schließlich ohne Widersprüche.

Am einfachsten scheint mir, ich gehe davon aus, die 1/27-Theorie ist simplerweise falsch. Das erhält mir meinen Optimismus als Lehrer. Die Idee der Begabung ist so unklar, dass wir den Begriff - wie in den letzten zwanzig Jahren bei uns in NRW ja dann auch geschehen - weglassen. Nehmen Sie etwa das Stichwortverzeichnis der rosa Rau-Bibel: Dort kommt er nicht vor. Die neuerliche Begabungsförderung wäre in diesem Sinne eine verzeihliche Modewelle.

Dass meine Theorie falsch ist, obwohl sie einen gewissen Erklärungswert hat, grämt mich aber nicht. Auch berühmte Leute behaupten bisweilen Erstaunliches. Nach J.S. Bruner kann jedem Kind auf jeder Entwicklungsstufe jeder Lehrgegenstand in einer intellektuell ehrlichen Form erfolgreich beigebracht werden.

Rhone