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Mathe-Treff Magazin

Das lebendige Theorem von Cédric Villani - eine Buchempfehlung

Die berühmte direkte Leitung, wenn Sie einen Anruf vom Gott der Mathematik erhalten
und eine Stimme in Ihrem Kopf widerhallt. Das ist ganz selten, zugegeben.
Cédric Villani

BuchcoverFür viele Leute fallen schon Bücher, die sich mit Mathematik befassen,  aus dem Rahmen. Dieses Buch aber fällt auch für Mathematikerinnen und Mathematiker so aus dem Rahmen, dass man staunen darf.

Cédric Villani
Das lebendige Theorem
Frankfurt 2013

Cédric Villani ist ein französischer Mathematiker, der 2010 die Fields-Medaille erhielt. Bekanntlich gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik. Stattdessen wurde unter anderem die Fields-Medaille geschaffen. Sie wird alle vier Jahre an höchstens vier Mathematiker verliehen. Als einziger deutscher erhielt sie bis jetzt Gert Faltings (1986 für den Beweis der Mordellschen Vermutung). Villani bekam sie für seine Arbeiten zur  Plasmaphysik: Er befasste sich mit der sogenannten Landau- Dämpfung. Dazu nur ganz kurz: In einem Plasma gibt es schnelle und langsame geladene Teilchen. Unter bestimmten Voraussetzungen gibt es insgesamt mehr langsame als schnelle Teilchen. Der Überschuss an langsamen Teilchen führt dazu, dass diese mehr Energie aus der Welle aufnehmen, als die schnellen Teilchen an die Welle abgeben. Dadurch wird die Welle gedämpft. (Wikipedia).

Nun also zu dem Buch von Villani. Es geht hier nicht um die Landau-Dämpfung. Sie wird nicht erklärt und ist auch wohl nur für absolute Spezialisten ein Thema. Es geht um das Leben eines Spitzenmathematikers auf dem Weg zur Lösung eines tiefliegenden Problems.

Villani reiste 2009 mit seiner Familie für längere Zeit nach Princeton und arbeitete an dem weltberühmten Institute for Advanced Study (IAS), an dem schon Einstein, Gödel und andere forschten.

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Er arbeitet im Prinzip Tag und Nacht mit seinem Kollegen Clement Mouhot, der in Frankreich lebt, per Mail zusammen. Wir – die Leser – erleben die Fortschritte, die Enttäuschungen, die Ratlosigkeit, die Fehlersuche und schließlich den Durchbruch bei der Landau-Dämpfung. Wie gesagt, nicht die Mathematik wird erklärt; Villani erzählt vom Alltagsleben in seiner Familie, von Gesprächen am IAS, warum Chansons von Catherine Ribeiro wichtig sind und vieles andere. Wie funktioniert bei Villani mathematische Arbeit tief in der Nacht? Gar nicht, wenn er keinen Tee hat; er besorgt sich also Teebeutel im IAS und wird dabei natürlich erwischt.

Bei der Lektüre findet man seitenweise Emailverkehr und seitenweise Formeln. Man wird sie als Nicht-Experte bewundern und dann überblättern. An einigen Stellen versucht Villani interessanterweise zu beschreiben, was sich in kreativen Phasen in seinem Kopf tut. Nachvollziehen kann man das wohl nicht, aber es fasziniert.

In dem Buch ist u. a. von John Nash die Rede, dem bekanntlich der Film „A Beautiful Mind“ gewidmet ist und den in Princeton anzusprechen C. Villani nicht wagt, von Henri Poincaré und Gösta Mittag-Leffler und der Gründung der Acta Mathematica, von Grigori Perelman und der Poincaré-schen Vermutung, vom Newton-Verfahren, vom 3n+1-Algorithmus und vielem anderen mehr. Biographisches zu lesen, heißt auch, das Umfeld in den Blick zu nehmen, in dem das Biographische angesiedelt ist.

Vermutlich hat es noch nie ein Buch dieser Art in der Mathematik gegeben. Lesen Sie es, auch wenn Sie nicht alles lesen, und Sie sehen die Mathematik anders. Das faszinierende an der Mathematik ist, dass sie geschieht -  nicht, dass sie ist.

Und noch eins: Frankreich hat zurzeit elf Fields-Medaillenträger, wir haben einen. Vielleicht müssen wir einmal über die Wertschätzung der Mathematik in unserem Lande nachdenken.

(nev)

 

 
 
Thursday, 23. November 2017 / 12:08:06