brlogo
untitled
   
   
   
   
 

Mathe und Leute

Mikael Johansson über Blogs in der Mathematik

Foto von Mikael JohanssonMichael Johansson wurde 1980 in Stockholm geboren und machte sein Abitur nach einem Austauschjahr in Altdorf bei Nürnberg im Jahre 2000. Dann studierte er Mathematik mit den Nebenfächern Latein und Linguistik an der Uni in Stockholm. Seit 2006 promoviert er an der Uni Jena mit dem Schwerpunkt Algebra.
Er hatte mit 5 Jahren einen Computer, programmierte schon mit 11 Jahren und war mit 13 Jahren "auf´m Internet". Er spielt Klavier, Klarinette und Saxophon und schätzt Rollenspiele.

Mathe-Treff:
Sehr geehrter Herr Johansson, Sie sind Experte für Mathematik-Blogs. Deswegen sofort eine Doppelfrage: Was ist ein Blog und was machen Sie in Ihrem Algebra-Blog?

M. Johansson:
Ein Blog - oder Weblog, wie es ursprünglich hiess, ist im Grunde genommen nur eine bequeme Art, Texte auf dem Netz zu veröffentlichen, zeitlich nach Veröffentlichungstag geordnet. Als solches sind Blogs nicht wirklich viel anders als andere Webseiten mit Administrationshilfen. Das Interessante tritt auf, wenn man zu den veröffentlichten Texten auch Interaktionen einbaut - dass man z.B. eine Diskussion zum Text zulässt, wo die Leser sich einmischen können, oder dass man es sehr einfach macht, verschiedene Blogs zu verlinken.
Dazu gibt es sowohl sehr viele Blogsysteme, die diese Aspekte leicht zugänglich und automatisiert anbieten, sowie viele Webseiten, deren Funktion es ist, die Vernetzung von Blogs aufzubauen. Somit kann es auch zu weitläufigen Blog-Debatten kommen, wo sich durch eine Vernetzungseite mehrere Blogs über einem Thema auseinandersetzen oder gar streiten.
Ich betreibe selbst eigentlich zwei Blogs. Das eine ist eine Art öffentliches Tagebuch - ich schreibe dort, wenn ich meinen Freunden was vermitteln will; Gedanken, Neuigkeiten in meinem Leben, Buchbesprechungen oder Ergebnisse von Umfragen und anderen Webspielen, die öfters auf diese Site wandern. Das andere ist ein Blog, den ich aufgemacht habe, als ich mit meinem Promotionsstudium anfangen wollte. Es ist von dem englischen Promotionsstudenten Craig inspiriert, der seit mehreren Jahren auf seinem Blog Gooseania über sein Leben als Promotionsstudent in Mathematik schreibt. Dort sammele ich durchgedachtere Texte als in meinem Tagebuch: Gedanken zu mein eigener Forschungsarbeit, Erläuterungen und populärwissenschaftliche Texte, sowie ein paar politische Texte und einiges über Programmieren und Aspekte der theoretischen Informatik.

MT:
Welche Rolle spielen Blogs in der Mathematik?

M. Johansson:
Noch spielen Blogs nicht wirklich eine sichtbare Rolle; es gibt einen Forscher in der theoretischen Physik, John Baez, der schon seit vielen Jahren regelmäßig Texte ins Usenet gestellt hat, und somit ein Blog geschrieben hat, lange bevor es Blogs gegeben hat. Er betreibt mittlerweile auch ein Forschungsblog mit ein paar Kollegen zusammen, wo sie ihre Forschungsthemen besprechen, neue Artikeln einlinken, und ihr Forschungsprogramm quasi publik machen. Weiter gibt es ein paar namentlich bekannte Mathematiker, die in Blogs mit der Mathematikwelt kommunizieren. Terence Tao, der in 2006 in Barcelona die Fieldsmedaille bekommen hat, treibt ein Blog, und Alain Connes ist an einem Gruppenblog zur Thema Nichtkommutative Geometrie beteiligt.
Es gibt zudem ein leichtes Überwicht zur Seite der Promotions - und Master-Studenten, die über ihr Studium schreiben in der Blogwelt. Die ältere Generation der Mathematiker ist einfach noch nicht wirklich im Spiel. Hoffentlich wird sich das in den nächsten Jahren ändern.

MT:
Gibt es Mathematik-Blogs, die von Schülerinnen oder Schülern betrieben werden?

M. Johansson:
Ich glaube schon, obwohl gerade Grundschul- und Gymnasial-Schüler eher wenig aufgetaucht sind bei meiner Websuche. Dann gibt es eher eine Vielfalt von früheren Universitätsstudenten, die auch Blogs betreiben. Zum Beispiel werden an der Universität von Newcastle und an der Universität von Warwick Blogsammlungen zentral von der Universität betrieben, in denen sowohl Studenten als auch Lehrer regelmäßig schreiben.

MT:
Spielen Blogs auch unter Lehrern eine Rolle?

M. Johansson:
Auf jedem Fall! Es gibt viele Lehrer - vor allem in der USA - die über ihre Lehre, ihre Studenten und ihre pädagogische Gedanken und Erfahrungen schreiben.

MT:
Wie stellt man es an, wenn man einen Blog beginnen möchte?

M. Johansson:
Heute gibt es vor allem ein paar allgemeine Blogseiten, wo man sich ein neuen Blog geben lassen kann. Die grösste sind Blogger und Wordpress, wobei es bei Wordpress bessere Möglichkeiten gibt, auch Mathematik schreiben zu können. Dort gibt es integrierte Möglichkeiten, die LaTeX-sprache für mathematische Formeln einzubinden. Ich hoffe jedoch, in der nächsten Zeit einen deutschen Server aufstellen zu können, auf dem man sich einen Blog einrichten lassen kann, der für mathematische Blogs besonders geeignet ist.

MT:
Wie kann man interessante Blogs finden?

M. Johansson:
Die beste Methode ist, von einem Blog auszugehen, der einem von der Thematik her gut gefällt, und dann allen Links zu folgen, die dieser Blog zu anderen Blogs bietet.
Solch ein Blog findet man vermutlich am einfachsten durch eines der verschiedenen Blogverzeichnisse oder durch die Karnival. Regelmäßig wird eine Auswahl von neue Texten in einen Blog eingelinkt – so dass man eine Sammlung von interessanten Texten auf einmal finden kann. Es gibt einen Karnival zur Mathematik und einen zu Ausbildungsfragen und zur Pädagogik. Es gibt auch, wie ich früher erwähnt habe, mehrere Seiten, die Blogs auflisten und nach Themen gliedern. Die vielleicht größte davon ist Technorati, wo man mit Vorteil nach den Schlüsselwörtern 'mathematics' und 'education' suchen kann, um eine Vielfalt neuer Texte zu diesen Themen zu finden.

MT:
Und zum Schluss noch eine Frage zu Ihrer Arbeit als Mathematiker. Womit befassen Sie sich in der Algebra?

M. Johansson:
Es gibt einige Methoden, um Fragen wie "Wie viele Löcher hat dieses Objekt? Wie viele Blasen?" in rein algebraische Berechnungen umzuwandeln. Diese Umwandlungen geben dann sehr interessante Strukturen, die auch weiter anwendbar sind als nur für die ursprünglich eher geometrischen Fragen. Ich beschäftige mich mit der Frage, wie man die Berechnungen, die man mit diesen algebraischen Strukturen durchführen kann, mit Hilfe von Zusatzinformationen besser und schneller realisieren kann.

MT:
Warum Algebra?

M. Johansson:
Ich bin Mathematiker, weil ich die Schönheit der Mathematik empfinde. Diese Schönheit sehe ich vor allem in Strukturen und abstrakten Zusammenhängen. Ebenso finde ich in der Sprachforschung die Grammatik viel interessanter als Vokabeln zu lernen oder sprechen zu lernen; und in der Mathematik finde ich eben, dass die Abstraktionen eine Reiz für sich haben.

MT:
Vielen Dank.

Das Interview für den Mathe-Treff führte (nev).

 
 
Friday, 24. November 2017 / 15:41:46