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Mathe-Treff: Magazin - Mathe & Leute
Ein Brief aus ÖsterreichJürgen John (Lienz, vormals Düsseldorf)

Den nachfolgenden Brief erhielt der Mathetreff von Jürgen John aus Lienz. Vielleicht kennen Sie ihn, er hat einige Zeit in der unterregionalisierten Fortbildung der BZR Düsseldorf gearbeitet. Nun ist er Lehrer in Österrreich, und da ist manches anders. Wenn Sie ihn nicht kennen, auch egal. Wir haben ihn gebeten, sich mit ein paar Zeilen vorzustellen. Dann folgt der Brief.

Nach dem Abitur am Leibniz-Gymnasium folgte das Studium der Mathematik, Physik, Philosophie und Pädagogik an der Universität Düsseldorf mit dem Abschluss des 1. Staatsexamens. Es schloss sich eine Assistentenzeit am I. Physikalischen Institut an. Das Referendariat am Bezirksseminar II in Düsseldorf beendete ich im Januar 1984 mit dem 2. Staatsexamen. Im Schuldienst war ich dann zunächst am Burggymnasium in Essen und an der Leibniz-Gesamtschule in Duisburg tätig. Von 1990 bis 1994 war ich für vier Jahre an die Universität Duisburg abgeordnet. Dort konnte ich im Fachbereich Mathematik bei Prof. Dr. Simm dissertieren. Anschließend unterrichtete ich am Quirinus-Gymnasium in Neuß und am Humboldt-Gymnasium in Düsseldorf. Zusätzlich nahm ich Lehraufträge an der Uni Duisburg (Fachbereich Mathematik) wahr und war für kurze Zeit in der Lehrerfortbildung im Bezirk Düsseldorf eingesetzt. Im September 2000 schied ich auf eigenen Wunsch aus dem Landesdienst aus und zog zu meiner Familie nach Osttirol. Dort unterrichte ich seitdem in Lienz am BG/BRG (Bundes-/Bundesrealgymnasium), BORG (Bundes-Oberstufen-Realgymnasium) und an der Uni Innsbruck (Lehrauftrag).

Grüß Gott Herr/Frau Professor!

Eine anfänglich ungewohnte, aber hier in Österreich übliche Anrede der Lehrerinnen und Lehrer. Weitere erste Erfahrungen an einem österreichischen Gymnasium sollen im Folgenden von einem "Ehemaligen" des Schulsystems in NRW dargestellt werden:

Im September 2000 wechselte ich vom Humboldt-Gymnasium in Düsseldorf an das BG/BRG Lienz (Bundes-/Bundesrealgymnasium). Lienz ist mit ca. 14000 Einwohnern der größte Ort Osttirols. Die Schule besuchen ca. 850 Schülerinnen und Schüler, die von 82 Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet werden. Neben dem BORG (Bundesoberstufen-Realgymnasium) ist dies das einzige Gymnasium für ganz Osttirol.

Nach der 4-jährigen Volkschule (Grundschule) erfolgt der Übergang ins weiterführende Schulsystem, mit den beiden Wahlmöglichkeiten Hauptschule bzw. Gymnasium (2-gliedriges Schulsystem). Die Hauptschule wird insbesondere in abgelegenen Tälern auch von sehr guten Schülern besucht und differenziert ihr Angebot in den Kernfächern Deutsch, Englisch und Mathematik auf drei Leistungsniveaus. (Das erste Niveau entspricht dabei durchaus dem des Gymnasiums.) Nach vier Jahren Hauptschule können die Schüler in das Gymnasium, das Oberstufen-Realgymnasium oder in die Handelsakademie (HAK) oder die Höhere Technische Lehranstalt (HTL) wechseln. An allen genannten Schulformen kann die Matura (das Abitur, Hochschulreife) erworben werden. Für Schüler, die eher nicht studieren wollen, sind insbesondere die beiden letztgenannten Schultypen eine interessante und gern gewählte Alternative – und damit gleichzeitig Konkurrenz zum Gymnasium (AHS – Allgemeine Höhere Schule). Teilweise wechseln auch Schüler des Gymnasiums nach der 8. Schulstufe in diese Schulen.

Die Sprachenfolge am hiesigen Gymnasium ist Englisch, Latein, Italienisch bzw. Französisch (Beginn mit der 5., 7. bzw. 9. Klasse). Im klassischen Gymnasialzweig werden drei und im Realgymnasialzweig zwei Sprachen gewählt. Im Realgymnasium kommt das Fach Darstellende Geometrie oder eine Schwerpunktausrichtung Naturwissenschaften (Laborzweig genannt) hinzu. Nach der 8. Schulstufe (Klasse 4 des Gymnasiums – die Zählung beginnt an den weiterführenden Schulen in der 5. Schulstufe mit Klasse 1) endet die Unterstufe und mit der 9. Schulstufe (Klasse 5 des Gymnasiums) beginnt die Oberstufe. Den Abschluss (Matura) erreicht man nach der 12. Jahrgangsstufe (Klasse 8 des Gymnasiums). Diese kürzere Schulzeit wirkt sich schon in unteren Jahrgängen durch eine Stoffverdichtung spürbar aus (teilweise schon in der Grundschule). In der Oberstufe wird weiter im Klassenverband unterrichtet, es gibt keine Aufspaltung in Grund- bzw. Leistungskurse. Die Abiturprüfung wird in vier Fächern schriftlich (darunter Deutsch, Englisch und Mathematik) und in drei Fächern mündlich abgelegt.

Die Schule ist mit drei modern eingerichteten Computerräumen ausgestattet, von jedem Arbeitsplatz gibt es den Zugang zum Internet. Das Fach Informatik weist bzgl. der Inhalte (auch in der Oberstufe) eine deutliche Ausrichtung in EDV, also Nutzung vorhandener Softwarepakete auf (vgl. ECDL-Führerschein). Neben den Klassen- und Fachräumen stehen ein Mehrzwecksaal, zwei Turnhallen und eine große Außensportanlage zur Verfügung.

Jedes Jahr finden üblicherweise Klassenfahrten statt. Diese erfolgen in den höheren Jahrgängen nach Wien, Italien oder England. Im Rahmen der Förderung des Sports finden regelmäßige einwöchige Skifreizeiten statt. Auch andere Sportarten werden stark gefördert.

Die Schülerinnen/Schüler tragen im Gebäude Hausschuhe und leisten auf diese Art einen Beitrag zur Sauberhaltung der Schule, Beschriftungen auf Tischen bzw. Wänden findet man kaum. Die Mülltrennung wird von Schülerinnen/Schülern organisiert.

Der Umgang miteinander ist getragen von gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Die Schülerinnen/Schüler sind allerdings i. a. den Lehrern gegenüber deutlich zurückhaltender. Dies ist einerseits (fallweise) sehr angenehm, manchmal wünschte man sich jedoch eine größere Offenheit bzw. Spontaneität. Insgesamt hat diese Grundeinstellung auch Auswirkungen auf den Unterricht, der eher noch etwas "konservativer" abläuft. Lehrervortrag und lehrerzentrierter Unterricht haben noch einen höheren Stellenwert, Schülerinnen/Schüler müssen bei Gruppenarbeit bzw. selbständigen Erarbeitungsphasen stärker gefördert werden. Oftmals (zu häufig) werden gewisse Inhalte schlichtweg auswendig gelernt, so dass kaum eine Reflexion erfolgt bzw. ein Verständnis erreicht wird. Eine Ursache, die ein solches Schülerverhalten verstärkt, ist die in nahezu jeder Stunde (zu Beginn) stattfindende mündliche Überprüfung mit Benotung – teilweise ein großer Stress, insbesondere für gewissenhafte Schülerinnen/Schüler. Verstärkt wird dies noch durch bis zu 36 Wochenstunden Unterricht. Großer Wert wird gelegt auf individuelle Leistungen (Rangplätze bei Wettbewerben, nicht nur sportlicher Art), dies äußert sich u.a. auch darin, dass Schülerinnen/Schüler ein Schuljahr mit Auszeichnung, gutem Erfolg etc. abschließen können.

Insgesamt gesehen macht auch hier der Einsatz für die Schüler und damit für die Schulgemeinschaft Freude. Persönlich habe ich die Begabtenförderung in Mathematik (Durchführung sog. Mathematik-Olympiade–Kurse) und einen Lehrauftrag an der Universität Innsbruck übernommen. Die geographische Lage Osttirols bringt dabei so einige Mühen - wie lange Fahrzeiten - mit sich. Als Trost mag dabei die Tatsache dienen, dass der Bezirk Lienz der sonnenreichste Österreichs ist.

Jürgen John