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Mathe und Leute: Andreas Ziegler, Rebecca Bellmann, Tessa Helsper
und die Wuppertaler Junior-Universität

unieingangWenn man in Wuppertal mit der Schwebebahn vom Alten Markt nach Elberfeld fährt, kann man in die Seminarräume der Junior-Uni schauen. Man sieht junge Leute und ganz junge Leute, die dort studieren.  Und man sieht Dozentinnen und Dozenten, die hauptberuflich an der Universität als Professoren lehren, die als Lehrer an Schulen unterrichten oder in der Industrie oder Verwaltung tätig sind; aber man sieht auch junge Dozentinnen und Dozenten, die sich gerade auf das Abitur vorbereiten.

Und was wird gelehrt? Es geht um Mathematik und die Naturwissenschaften, angeboten werden Kurse für Studenten im Alter von vier bis achtzehn Jahre. Die Seminare befassen sich mit Wasser und Wetter, mit Gummibärchen und Tausendfüßlern, mit Spionen und Messern, mit Cola und Brücken...

Seminare gibt es aber vor allem auch in der Welt der Mathematik: Rebecca Bellmann, JS 13 des Carl-Fuhlrott-Gymnasiums, bietet einen Kurs mit dem Thema Mathe für helle Köpfe an; Tessa Helsper, ebenfalls JS 13 CFG Wuppertal, lehrt Programmierung mit Niki. Weitere Kurse, die Schülerinnen und Schüler durchführen, befassen sich mit Knobeln, mit Raketenbau und der Camera Obscura. Genaueres finden Sie unter

www.junioruni-wuppertal.de

Die Idee zur Junior-Uni stammt von Andreas Ziegler. Prof. Dr. Ziegler ist Journalist und lehrt an der Universität Kosice, war Pressamtsleiter in Wuppertal, ist Geschäftsführer der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Bergisch Land und nun auch noch Geschäftsführer der Junior-Uni.

Es folgen kleine Interviews mit Andreas Ziegler, Rebecca Bellmann und Tessa Helsper.

Interview mit Prof. Ziegler:

MT: Sehr geehrter Herr Professor Ziegler, die Idee zur Junior-Uni in Wuppertal ging von Ihnen aus. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen und wie lange arbeiten Sie nun schon an dieser Idee?

zieglerA. Ziegler: Monatelang hat mich die Frage beschäftigt, wie eine Großstadt im schwierigen Strukturwandel dauerhaft überleben kann. Die Antwort kam mir beim Lauftraining. Sie lag „auf der Straße“: Wir müssen Kinder und Jugendliche für Mathematik, Natur und Technik begeistern, und zwar ohne Druck, nur mit Freude am Lernen. Das prägt sie ein Leben lang. Um die Idee der Junior Uni praktisch umzusetzen, brauchten wir mit erstklassigen Partnern eineinhalb Jahre.  

MT: Man muss Menschen für eine solche Idee begeistern, aber man braucht vor allem auch Geld. Wie macht man so etwas?

A. Ziegler: Man geht betteln. Pro Jahr benötigen wir für den Betrieb der Junior Uni bis zu einer Million Euro privates Geld. Jetzt, im Startjahr, sind es konkret bereits 620 000 Euro. Zu 70 Prozent haben wir das für fünf Jahre gesichert. Nun arbeiten wir an der dauerhaften Finanzierung für die Jahre sechs bis zehn. Unsere Grundfinanzierung kommt von der Jackstädt-Stiftung. Sie garantiert uns 50 Prozent.

MT: Welche Ziele verfolgt die Wuppertaler Junior-Uni?

A. Ziegler: Wir machen aus Schwachen Gute, aus Guten Beste und aus Besten Herausragende. Unsere größte Herausforderung ist das zusätzliche Wecken und Fördern von Talenten aus bildungsfernen Familien. Seitdem uns dabei Lehrer und Sozialarbeiter helfen, gelingt das immer besser. Auch wer bereits durchs Bildungssystem gefallen ist, bekommt bei uns eine neue Chance. Bald wird die Teilnahme-Urkunde der Junior Uni im bildungsfernen Milieu einen  höheren Stellenwert haben als der Schlagring.

fensterMT: Die Junior-Uni hat eine breite Palette von Dozentinnen und Dozenten.

A. Ziegler: Auch diese Zusammensetzung ist bundesweit einzigartig: Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter der Bergischen Universität, hochmotivierte Lehrer, herausragende bergische Unternehmer, Erfinder und Forscher, dazu herausragende Oberstufenschülerinnen und Schüler.

MT: Welche Rolle spielt die Mathematik in der Junior-Uni?

A. Ziegler: Die herausragende! Auch wenn die Seminare oft ganz andere Überschriften haben. Wenn wir Geheimschriften oder Codes knacken, Spione ins Internet schicken, Astronavigation lehren – wir begeistern für Mathe.

MT: Können Sie schon von ersten Erfahrungen sprechen?

A. Ziegler: Professoren der Bergischen Universität, unseres wichtigsten Kooperationspartners, begleiten und unterstützen uns mit wissenschaftlicher Evaluation. Dazu kommt die Abstimmung mit den Füßen. Wir werden überrannt, können die Nachfrage auch nicht annähernd befriedigen. Unser eigentliches Problem ist der Erfolg.

MT: Vielen Dank für das Interview.

Interview mit Rebecca Bellmann:

MT: Liebe Rebekka, Sie führen nun schon zum zweiten Mal einen Kurs in der neu gegründeten Wuppertaler Junior-Uni durch. Es geht um mathematische Knobelaufgaben.
Wie muss man sich das vorstellen?

R. Bellmann: Im Kurs werden ganz verschiedene Aufgaben bearbeitet – von Logikrätseln über Kombinatorik, Zahlensuch-  und Geometrierätsel bis zu Aufgaben mit Streichhölzern.

MT: Wie alt sind die Kinder in Ihrem Kurs, wie viele Kinder nehmen an dem Kurs teil und wie verhalten sie sich?

rebeccaR. Bellmann: Im Kurs sind 15 Kinder zwischen 10 und 14, im ersten Kurs saß auch ein 17 – jähriger. Trotz Altersunterschied ist die Arbeit an den Aufgaben aber gar kein Problem, weil sich die Kinder immer in kleinen Gruppen zusammensetzen und sehr selbstständig arbeiten.
Die verschiedenen Lösungsideen präsentieren die „Junior-Studenten“ teilweise selber an der Tafel. Was besonders schön ist: Einige Kinder denken sich gerne eigene Aufgaben aus und stellen diese dann dem Kurs vor.

MT: Nennen Sie uns bitte ein Beispiel für eine Knobelaufgabe.

R. Bellmann: Legt man zwei Quadrate und einen Kreis übereinander, so bilden die Begrenzungslinien, je nach Lage, unterschiedlich viele Schnittpunkte.
Wie muss man die Figuren legen, dass möglichst viele Schnittpunkte entstehen?
(Die Größe der einzelnen Figuren kann variiert werden)
Für alle, die es versuchen: Die maximale Anzahl der Schnittpunkte ist 24.

Zeichne mit nur fünf geraden Linien ein Figur, die 10 Dreiecke enthält.
Beide Aufgaben gehören zum Thema „Schnittpunkte, Flächen und Figuren“.

MT: Wie gehen die Kinder vor?

rebeccakursR. Bellmann: Zunächst versuchen die Kinder alleine oder zu zweit die Lösung heraus zu bekommen. Bei schwierigeren Aufgaben wird dann an ganzen Tischen diskutiert und zusammengearbeitet oder ich gebe ein paar kleine Tipps und Hilfestellungen. Interessanterweise gibt es häufig ganz unterschiedliche Lösungsansätze und Ideen.

MT: Sie selber sind noch Schülerin. An der Junior-Uni arbeiten Sie aber als Dozentin. Der Rollenwechsel mach Ihnen sicher Spaß.

R. Bellmann: Auf jeden Fall! Es macht wirklich Spaß, die einzelnen Stunden vorzubereiten und dann zu sehen, wie die Kinder die Lösungen entwickeln. Außerdem ist es toll, dass ich den Kursinhalt komplett selbst gestalten kann. Am allerbesten sind aber die Kinder, weil die mit großer Motivation und ganz vielen tollen Ideen an alles neue gehen .

MT: Welche Bedeutung hat das Knobeln für das Erlernen von Mathematik?

R. Bellmann: Durch das Lösen von Knobelaufgaben lernt man, sich in eine Aufgabe zu vertiefen und dabei logisch an ein Problem heranzugehen. Dabei entwickelt man Techniken, um schneller an Lösungen zu gelangen und erkennt Zusammenhänge, auch ohne viele komplizierte Regeln anzuwenden. Und genau dieses eigenständige Finden von Lösungswegen durch gezieltes Überlegen ist wichtig für das Erlernen von Mathematik.

MT: Vielen Dank für das Interview.

Interview mit Tessa Helsper:

MT: Liebe Tessa, wie ist das eigentlich, wenn man selber noch Schülerin ist, und dann an der Wuppertaler Junior-Uni als Dozentin arbeitet?

tessaT. Helsper: Man sieht, dass der Lehrer-Job doch nicht so einfach ist, wie man als Schüler denkt.

MT: Sie führen einen Kurs zur Einführung in die Programmierung durch. Um was geht es da?

T. Helsper: Um einen kleinen Roboter Niki, den man durch Anweisungen (Programmieren) durch sein Arbeitsfeld schicken kann.

MT: Wie alt sind Ihre Schülerinnen und Schüler und wie verhalten sie sich?

T. Helsper: 10-14 Jahre. Meistens sind sie lieb.

MT: Haben Sie ein didaktisches Grundmuster für Ihr Vorgehen?

tessakursT. Helsper: Ich habe einige Arbeitsblätter mit Themen, an die ich mich halte.

MT: Sind Ihre Schülerinnen und Schüler besonders begabt oder nur einfach interessiert?

T. Helsper: Es gibt einige, die sehr begabt sind, interessiert sind aber alle.

MT: Was macht Ihnen am meisten an Ihrer Dozententätigkeit Spaß?

T. Helsper: Zu sehen, wie hoch motiviert die meisten sind und wie interessiert sie an Naturwissenschaften rangehen.

MT: Vielen Dank für das Interview.

(nev)

 
 
Saturday, 25. November 2017 / 06:40:49