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Mathe-Treff: Magazin - Mathe & Leute
Michael Rüsing und die Mathematik-Olympiade

Michael Rüsing mit Preisträgern der Bundesrunde Mathematik-Olympiade 2004 in EssenMichael Rüsing (Jg. 1955) studierte in Essen Mathematik und Physik für das Lehramt für die Sekundarstufe II. Seit dem Referendariat in Essen unterrichtet er an der B. M. V. – Schule in Essen, einem Mädchengymnasium in freier Trägerschaft des Ordens der Augustiner Chorfrauen. Während der ersten Jahre seiner Unterrichtstätigkeit legte er eine Ergänzungsprüfung für das Lehramt für die Sekundarstufe I ab und studierte gleichzeitig das Fach Informatik an der Fernuniversität Hagen.

Seit 1984 ist er tätig bei der Organisation des Essener Mathematikwettbewerbs. Dadurch ergaben sich nach der Wende Kontakte zur Mathematik-Olympiade, die zu einer Mitarbeit im Aufgabenausschuss dieses bundesweiten Wettbewerbs führten. Zudem ist er seit vielen Jahren für die Durchführung von Lehrerfortbildungen im Fach Mathematik in Essen zuständig. In dieser Funktion hat er eine ganze Reihe von Fortbildungsvorträgen in verschiedenen Städten gehalten. Die Materialien einiger dieser Vorträge sind auf der Seite www.ruesing-essen.de zu finden.

Die B.M.V. – Schule nahm an dem BLK-Projekt SINUS teil,  Michael Rüsing koordinierte. Im Fortsetzungsprojekt SINUS-Transfer arbeitet er nun als Leiter eines Schulsets. Und dann ist er noch als Schulbuchautor im Team von ´Neue Wege´ tätig. Wahrlich – es wird ihm wohl nicht langweilig werden.

MT: Sehr geehrter Herr Rüsing, Sie sind als Organisator der bundesweiten Mathematik-Olympiade in der Homepage „mo-2004.de“ aufgeführt. Wie schaffen Sie Ihre vielfältigen Aufträge?

Michael Rüsing: Die Bundesrunde einer Mathematikolympiade kann nicht von einer einzigen Person organisiert werden. Dazu ist immer ein ganzes Team erforderlich, das wir in Essen selbstverständlich auch hatten. Das Team hat hervorragend zusammengearbeitet. Aufgabenbereiche und Verantwortlichkeiten hatten wir im Vorfeld abgesprochen und verteilt. Die wurden dann weitgehend selbständig erarbeitet. Bei unseren gemeinsamen Sitzungen waren dann „nur“ die Schnittstellen abzugleichen. Nur durch diese Vorgehensweise war die Arbeit überhaupt zu schaffen. Ich selber habe mich neben der Koordination der Aufgabenbereiche speziell mit der Durchführung der Klausuren und teilweise mit der Organisation der Korrekturen beschäftigt.

MT: Die von Ihnen mitgegründete Gesellschaft Essener Mathematik-Wettbewerb war vor 20 Jahren einer der Vorreiter von Mathematik-Fördermaßnahmen in NRW. Wie wird diese ehrenamtliche Arbeit unterstützt?

Michael Rüsing: Vor 20 Jahren wurde der Begriff „Förderung“ noch sehr einseitig verstanden. Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht nicht so gut mitkamen, wurden gefördert, bei allen anderen erachtete die vorherrschende Meinung das als überflüssig. Inzwischen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass jeder Anspruch auf individuelle Förderung hat, also auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler.
Während also das Ministerium in den Anfangsjahren äußerst zurückhaltend war, wird die Tätigkeit bei der außerunterrichtlichen Förderung besonders interessierter Schülerinnen und Schüler jetzt durch das Ministerium unterstützt. Die Koordinatoren, die die Wettbewerbe in den einzelnen Regionen durchführen, bekommen eine geringe Stundenentlastung. Das deckt zwar bei weitem nicht den Aufwand ab, aber als symbolische Geste wird es durchaus geschätzt.
Ich selber habe mit dem Wort „Ehrenamt" in ihrer Frage Probleme. Ich sehe meine Tätigkeit für die Wettbewerbe als  Bestandteil meines Berufes an. Der Lehrerberuf ist ja ein sehr vielfältiger Beruf, zu dem nicht nur die eigentliche Unterrichtstätigkeit gehört. Jeder hat die Möglichkeit, sich auf weiteren Gebieten zu engagieren und damit weitere Aspekte seiner beruflichen Tätigkeit hinzuzufügen. Viele Lehrerinnen und Lehrer tun das ganz selbstverständlich in völlig unterschiedlichen Bereichen. Da sich das aber nicht in Stunden und Minuten ausdrücken lässt, wird es oft in der Öffentlichkeit unterschätzt oder nicht wahrgenommen.

MT: Sie sind einer der Autoren einer neuen Lehrbuchreihe. Sind weitere Lehrbücher –bei der Fülle des diesbezüglichen Marktes- überhaupt sinnvoll?

Michael Rüsing: Da sich der Unterricht ständig entwickelt, müssen sich auch die Schulbücher entwickeln. Denken sie nur an die Strukturmathematik. Wie schrecklich wäre es, wenn wir immer noch die Bücher hätten, die vor 30 Jahren aktuell waren! Vielleicht sagt man das in 30 Jahren auch von den Büchern, die wir gerade machen. Das ist ein ganz normaler Vorgang.
Ich meine, wir müssen dazu kommen, dass ein Mathematikbuch nicht ausschließlich als Aufgabensammlung eingesetzt wird. Wir müssen eine Schulbuchkultur schaffen, in der auch die anderen Teile des Buches eine Rolle spielen. Schülerinnen und Schüler müssen die Bücher lesen können. Dazu ist eine altersgerechte Sprache erforderlich. Wie oft hat man die Klage gehört: „Ich verstehe nicht, was im Buch steht.“ Zehn- oder Zwölfjährige können Formulierungen, die auch in einem mathematischen Fachbuch stehen könnten, einfach nicht verstehen. Ob es uns gelungen ist, in unseren ‚Neuen Wegen’ das entscheidend zu verbessern, wird sich im Einsatz herausstellen müssen. Dies war jedoch ein wichtiger Grundsatz für uns bei der Erarbeitung der Texte des Buches - und die ersten Rückmeldungen aus Schulen sind ermutigend.

MT: Sie arbeiten seit vielen Jahren  in der Lehrerfortbildung. Setzen Sie heute andere Akzente als früher in dieser Tätigkeit?

Michael Rüsing: Das ist ähnlich wie mit den Schulbüchern. Auch hier wäre es traurig, wenn sich keine Fortentwicklung zeigen würde. Das betrifft einmal die Inhalte. Gefragt sind zur Zeit besonders die neuen Aspekte der Lehrpläne wie Anwendungsorientierung oder Medieneinsatz. Es müssen sich aber auch Methoden in der Fortbildung ändern. Der klassische Vortrag von zwei Stunden mit der Möglichkeit, anschließend noch zehn Minuten lang Fragen zu stellen, kommt nicht mehr so gut an. Die Teilnehmer wünschen eher Workshop-Veranstaltungen, bei denen sie nach einer nicht zu langen Anregung in Form eines Vortrages selber tätig werden können und hinterher mit selbst erarbeiteten Produkten z. B. in Form von neuen Aufgaben nach Hause bzw. in den Unterricht gehen können.

MT: Wie sind Sie für unsere interessierten Leser zu erreichen?

Michael Rüsing: Meine e-mail-Adresse: michael@ruesing-essen.de.

MT: Vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Interview führte R. Gräf.