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Wilhelm Schipper zu Rechenstörungen, Dyskalkulie

Wilhelm Schipper ist Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Bielefeld. Er ist ausgebildeter Grund- und Hauptschullehrer, hat in beiden Schulformen unterrichtet, leitete 5 Jahre eine große Grundschule in Göttingen und arbeitete an den Universitäten Dortmund und Ludwigsburg. Vor einigen Jahren folgte er einem Ruf nach Bielefeld. Neben seiner Hochschullehrertätigkeit leitet er in Bielefeld eine Beratungsstelle für Kinder mit Rechenstörungen. Seine berufliche Auslastung erlaubt im nur ein Hobby – eben diese Beratungsstelle.
Der Mathetreff freut sich, zu dem Problem Rechenstörungen einen ausgemachten Fachmann befragen zu dürfen. Beachten Sie bitte auch die Literaturangaben im Text des Interviews.

MT: Herr Professor Schipper, Sie sind Experte für Schülerinnen und Schüler, die Probleme beim Erlernen von Mathematik haben. Häufig findet man Kinder, die unter Dyskalkulie leiden. Was ist Dyskalkulie?

W. Schipper:
Die Formulierung „unter Dyskalkulie leiden“ offenbart eine einseitige Sichtweise auf das Problem. Sie suggeriert, dass Dyskalkulie eine Krankheit sei, deren „Therapie“ außerhalb der schulischen Möglichkeiten liege, so dass Ärzte, Psychologen und Therapeuten und eben nicht Lehrerinnen und Lehrer sich um betroffene Kinder zu kümmern hätten. Wir müssen uns jedoch bewusst machen, dass die Probleme zunächst im schulischen Mathematikunterricht auftauchen und auch dort durch einen guten präventiven und fördernden Unterricht angegangen werden müssen. Im schulischen Bereich sollten wir daher nicht von Dyskalkulie sprechen, wenn wir die besonderen Schwierigkeiten einiger Kinder beim Erlernen des Rechnens meinen. Dafür ist der Begriff Rechenstörung im Sinne einer schwerwiegenden und dauerhaften Beeinträchtigung beim Erlernen des Rechnens besser geeignet.

MT: Woran erkennt man bei Kindern Rechenstörungen?

W. Schipper:
Das Hauptsymptom für Rechenstörungen ist das verfestigte zählende Rechnen weit über das erste Schuljahr hinaus. Diese einseitige Form des Rechnens erzeugt gravierende Folgeprobleme. So gelingt es den Kindern z. B. nicht, Größenvorstellungen von Zahlen und ein gesichertes Stellenwertverständnis zu entwickeln. Mathematik wird zu einem Regelspiel: Statt mit Zahlen zu rechnen, werden Ziffern regelhaft verarbeitet. Lösungen wie „26+38=46“ (über 2+3=4 (!) „und dann noch die 6“) oder „68-36=1“ (über 6-3=3; 8-6=2 sowie 3-2=1) können Folgen dieses Symptoms sein. Die zweithäufigste Auffälligkeit ist die Unfähigkeit, sicher links und rechts zu unterscheiden. Häufige Folgen dieses Symptoms sind Zahlendreher (32 statt 23) und Rechenrichtungsfehler (7-3=10).

MT: Gibt es Literatur zu diesem Thema, die etwa für betroffene Eltern sinnvoll ist?

W. Schipper:
Zum Thema Rechenstörungen benötigen Eltern und Lehrkräfte Hilfen. Im Rahmen des Projekts Sinus Grundschule gibt es eine Modulbeschreibung zu „Rechenstörungen als schulische Herausforderung“ (www.sinus-grundschule.de; Mathematik-Modul G4), die sicher nicht nur von Lehrerinnen und Lehrern gelesen werden kann. Die auf dem Markt befindlichen Elternratgeber sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Empfohlen werden kann die folgende Publikation: Bechen, P. /Kinzinger, W. /Seger, S. (2003): LRS, Lese- Rechtschreib- und Rechenschwäche, Ratgeber für die Suche nach Hilfe. Stuttgart: Aktion Bildungsinformation.

MT: Wo finden Kinder Hilfe?

W. Schipper:
Eltern sollten die Hilfe für ihr Kind zunächst in der Schule suchen, indem sie mit der Klassen- bzw. Fachlehrerin oder der Schulleitung reden. Das Problem ist jedoch, dass das Thema Rechenstörungen noch immer kein selbstverständlicher Bestandteil der Lehrerausbildung ist, so dass Schule manchmal nicht wirklich helfen kann. In diesem Fall sollten Eltern sich mit einer schulpsychologischen Beratungsstelle in Verbindung setzen. Weitere Beratungsstellen gibt es auch an einigen Universitäten.

MT: Wie sind die Erfolgschancen bei der Behandlung von Rechenstörungen?

W. Schipper:
Gesicherte Erkenntnisse gibt es dazu nicht. Der Erfolg ist von der Qualität der Diagnostik, dem daraus resultierenden Förderplan und von der Qualität der Förderkonzepte und deren Umsetzung abhängig. Besser als eine Förderung von Kindern, die bereits tief in den Brunnen gefallen sind, ist ein präventiver Mathematikunterricht. Wenn die Kinder im ersten Schuljahr lernen, sicher rechts und links zu unterscheiden, und (spätestens) zu Beginn des zweiten Schuljahrs die Ablösung vom zählenden Rechnen und der Aufbau operativer Strategien des Rechnens gelingen, werden wir deutlich weniger Kinder mit Rechenstörungen haben.

MT: Vielen Dank.

(nev)

 
 
Sunday, 19. November 2017 / 20:57:43