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Mathe-Treff: Magazin - Mathe & Leute
Prof. Dr. Christoph Selter, PH Heidelberg,
über Kinder und Mathematik

Christoph Selter ist Professor für Mathematikdidaktik an der PH Heidelberg. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Erforschung des mathematischen Denkens von Kindern im Grundschulalter, klar – er ist ausgebildeter Grundschullehrer.
Nach seinem Studium promovierte er in Dortmund und arbeitete lange Zeit im Team von Mathe 2000, das von Gerhard N. Müller und E. Chr. Wittmann geleitet wird. Was wir ihn gefragt haben, lesen Sie im Folgenden. Aber wir haben ihn natürlich auch gefragt, was er sonst so tut: Wichtig ist ihm neben seinem Beruf vor allem seine Familie. Er liest gerne Krimis und als halber Dortmunder ist selbstverständlich Fußball eine Thema.

MT: Seit längerer Zeit befassen Sie und Hartmut Spiegel aus Paderborn sich sehr intensiv mit dem mathematischen Denken von Kindern im Grundschulalter. Dabei versuchen Sie, die andere oder andere Sichten von Kindern zu erfassen. Ist das so richtig gesehen?

Christoph Selter: In unserer Arbeit zeigt sich immer wieder, dass das Denken der Kinder im Vor- und Grundschulalter, aber auch weit darüber hinaus häufig viel vernünftiger und organisierter ist, als es im ersten Moment den Anschein hat. Um das zu erkennen, muss man allerdings einen Perspektivwechsel vornehmen. Man muss die erwachsenentypische Sichtweise vorübergehend ablegen und sich bemühen, mit den Augen der Kinder zu sehen. Und man muss die Fähigkeiten der Kinder aufspüren wollen. Kinder können oft viel - nur sie erhalten zu selten Gelegenheiten, ihre Kompetenzen zu zeigen.

MT: Wie äußert sich das Andere im Denken der Kinder?

Christoph Selter: Es äußert in fünf Bereichen. Kinder denken anders als wir Erwachsenen denken, sie denken anders als wir es vermuten und sie denken anders, als wir es für richtig halten. Kinder denken aber auch anders als andere Kinder, und sie denken sogar anders als sie selbst in vergleichbaren Situationen. Eigentlich sind dieses fünf bekannte Thesen. Wir glauben aber, dass sich viele Menschen schwer tun, diese auch für Mathematik zu unterschreiben.

MT: Sie haben nun Ihre Ergebnisse veröffentlicht:
Hartmut Spiegel&Christoh Selter: Kinder und Mathematik. Was Erwachsene wissen sollten. Kallmeyer Verlag 2003
Kann man wesentliche Ergebnisse des Buches kurz vorstellen, um einen Eindruck von dem Buch zu bekommen?

Christoph Selter: Auf wissenschaftlicher Grundlage, aber auch für Nicht-Fachleute gut verständlich, erläutern wir unsere Thesen im Wesentlichen an vielen anschaulichen Beispielen. Uns geht es in dreierlei Hinsicht um einen Perspektiv-Wechsel: Im ersten Teil des Buches werben wir für eine kompetenzorientierte Sicht auf das Denken und Lernen der Kinder. Dann plädieren wir für eine prozessorientierte Sicht auf das (eigene) Lernen von Mathematik. Und schließlich stellen wir Grundzüge einer subjektorientierten Sicht auf den Unterricht dar, indem wir uns mit Themen wie Leistungsfeststellung und -beurteilung, Lernschwäche und Leistungsstärke befassen.

MT:Das Buch wendet sich sicher vor allem an Eltern. Welche Rolle spielt es für Lehrerinnen und Lehrer?

Christoph Selter: Es wendet sich an alle Personen, die Interesse an der mathematischen Entwicklung von Kindern haben: Eltern, aber auch natürlich an Lehrer(innen) der Grundschule, aber auch der weiterführenden Schulen bzw. der Sonderschulen, an Erzieher(innen) oder an Schulpsycholog(innen). Lehrer(inne)n kann das Buch helfen, ihre Perspektive auf die Trias Kind, Mathematik und Unterricht zu überdenken oder sie in dieser zu bestärken und sie anderen - z. B. Eltern - zu erklären.

MT: Sie laden den Leser ein, selbst ein wenig Mathematik zu betreiben - warum?

Christoph Selter: Das Bild von Mathematik als undurchschaubarer und prinzipiell nicht verstehbarer Geheimwissenschaft ist weit verbreitet. Wir denken, dass man Mathematik hingegen als Tätigkeit sehen sollte, bei der man durch eigenes und gemeinsames Nachdenken und Forschen Einsichten erwerben und Verständnis aufbauen kann. Diese andere Sicht kann man jedoch nur einnehmen, wenn man dieses selbst erfahren hat. Dazu laden wir alle Leser(innen) anhand von drei Beispielaufgaben ein.

MT: Zum Schluss das Stichwort Bildungsstandards, das in Ihrem Buch ja auch angesprochen wird. Geben Sie uns dazu noch ein paar Hinweise aus Ihrer Arbeit.

Christoph Selter: Im Buch entwickeln wir eine Liste von Kompetenzen, die Schüler(innen) unseres Erachtens am Ende von Klasse 4 in den drei Bereichen Arithmetik, Geometrie und Sachrechnen erworben haben sollten. Darunter verstehen wir aber nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern auch Fähigkeiten (wie etwa das Darstellen eigener Überlegungen) und Einstellungen (wie etwa nicht sofort aufzugeben, wenn kein Lösungsweg in Sicht ist). Fähigkeiten und Einstellungen sind schwer oder nicht zu operationalisieren. Gleichwohl sind sie für den Erwerb mathematischer Bildung von enormer Bedeutung.

MT: Vielen Dank.