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Mathe und Leute

Christoph Selter wieder in Dortmund

Es ist an dieser Stelle nicht erforderlich, Christoph Selter noch einmal ausführlich vorzustellen. Er hat sich in den letzten Jahren öfter im Mathetreff zu Fragen des Mathematikunterrichts und im Besonderen zu dem in der Grundschule ausführlich geäußert. Daher jetzt nur noch ein Satz: Christoph Selter studierte in Dortmund, war dann ein paar Jahre Professor für Mathematikdidaktik in Heidelberg und ist nun der Nachfolger von E. Chr. Wittmann in Dortmund, er ist also wieder nach Hause zurückgekehrt.

MT: Der MatheTreff gratuliert Ihnen herzlich zu Ihrer neuen Stelle an der Universität Dortmund. Aus Heidelberg zurück, sind Sie nun der Nachfolger von Prof. Wittmann. Das ist eine Ehre und eine Verantwortung und Herausforderung zugleich. Worin sehen Sie Ihre wesentliche Aufgabe in Ihrer neuen Funktion?

Chr. Selter: Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, die wesentlich von Herrn Wittmann begründete Dortmunder Tradition der unterrichtsbezogenen Entwicklungsforschung fortzusetzen. Nach meinem Dafürhalten besteht die Kernaufgabe von Mathematikdidaktikern darin, Unterrichtskonzeptionen sowie Lernumgebungen und Materialien zu entwickeln, deren Wirksamkeit, Machbarkeit und Nutzbarkeit empirisch zu erproben und den Transfer dieser Ideen in die Praxis zu befördern. Ganz zentral ist in diesem Zusammenhang natürlich auch die Weiterentwicklung von adressaten- und berufsbezogenen Konzepten der Lehreraus- und -fortbildung, so wie es in Dortmund seit Jahrzehnten praktiziert wird.

MT: Wie beurteilen Sie zentrale Prüfungen in der Primarstufe und welchen Einfluss haben solche Prüfungen auf die unterrichtliche Arbeit in der Primarstufe?

Chr. Selter: Ich glaube, man muss unterscheiden, welche Funktion diese zentralen Prüfungen haben sollen. Werden sie von einer repräsentativen Auswahl der Viertklässler absolviert ? wie es etwa bei der IGLU-Studie der Fall war ? und dienen sie primär dem System-Monitoring, können sie für curriculare oder fachdidaktische Diskussionen und Weiterentwicklungen durchaus hilfreich sein, vorausgesetzt die Aufgabenqualität stimmt und bildet in etwa das Spektrum dessen ab, was die Lehrpläne für den Unterricht fordern. Sollen hingegen mit zentralen Tests, wie etwa in der VERA-Untersuchung, die Leistungen aller Viertklässler eines Bundeslandes analysiert werden, so scheint das aus naheliegenden Gruenden kaum möglich zu sein. Eine Individualdiagnose der Leistungen eines Kindes bedarf differenzierterer Instrumente. Meines Erachtens hat man mit VERA zu viel Unterschiedliches gleichzeitig gewollt: System-Monitoring, Unterrichtsentwicklung an den Schulen, zielgenaue Diagnose, ... Abgesehen davon, war in der ersten Runde die Qualität der Aufgaben sehr bedenklich und von der fachdidaktischen Diskussion überraschend weit entfernt.

MT: Welche Auswirkungen hatte VERA in den Grundschulen?

Chr. Selter: Nun, mir liegen keine harten Daten vor. Ich habe aber mit sehr vielen Lehrerinnen und Lehrern gesprochen. Dadurch habe ich den Eindruck gewonnen, dass es kaum Lehrpersonen gibt, die VERA gegenüber nicht negativ eingestellt sind. Eine Schule hat einen Leserbrief vor kurzem übertitelt mit 'Würden Sie Ihr Kind VERA nennen?'. Das hat meines Erachtens nichts mit einer diffusen Angst vor dem Überprüftwerden zu tun. Die Grundschule ist die innovationsfreudigste und die innovationserfolgreichste Schulform. Wenn mehr Lehrerinnen und Lehrer den Ertrag von VERA für ihre tägliche Arbeit einsehen könnten, würden sie dem Vorhaben ganz anders gegenüber stehen. Im letzten Herbst war es aber so, dass jede Lehrperson eines 4. Schuljahres 20 Zeitstunden mit der Vorbereitung und Durchführung der VERA-Aufgaben befasst war, der Grad der neuen Erkenntnisse über die eigenen Schüler aber gegen Null ging. Diese Zeit, so viele Lehrerinnen und Lehrer, hätten besser für individuelle Förderung der Kinder verwendet werden sollen.

MT: Zentrale Prüfungen erfordern weitgehend kontextfreie Aufgaben in dem Sinne, dass keine direkte Anbindung an den zurückliegenden Unterricht vorliegt. Man könnte sie Solitäre nennen. Die Vorbereitung darauf findet dann vermutlich als "teaching to the test" statt. Ist das eine Verarmung?

Chr. Selter: Ja, natürlich, und insbesondere, wenn es alle Kinder 'getestet' werden. In der US-amerikanischen Literatur wird deutlich, dass die Orientierung an Teststandards, die einige Bundesstaaten recht rigoros vorangetrieben haben, alles andere als eine Erfolgsgeschichte nach sich zog. Pointiert formuliert kann man festhalten: Tests messen nicht unbedingt das, was sie vorgeben zu testen, schwache Schulen und schwache Schüler werden noch schwächer, Lehrer und Schüler werden u.a. durch vereinfachende Schulrankings demotiviert, die Testinstitute werden zu den heimlichen Agenten des Unterrichts, die erhofften Leistungssteigerungen treten nicht ein. Ein Nachweis qualitätssteigernder Wirkungen von zentralen standardbezogenen Lernstandserhebungen ist zudem bislang auch durch die Schulforschung nicht eindeutig erbracht worden, vor allem nicht für früh selektierende Schulsysteme wie es das deutsche ist. Das ist keine Absage an Evaluation und an Messbarkeit. Nur etwas anspruchsvoller sollte die Evaluation schon sein.

MT: Und noch eine neugierige Frage zum Schluss. An welchen wissenschaftlichen Fragestellungen arbeiten Sie zur Zeit?

Chr. Selter: Zum Beispiel an einer Verbreiterung des Repertoires der Formen der Leistungsanregung, -feststellung, -bewertung und -rückmeldung. Leistung im Mathematikunterricht umfasst ja weit mehr, als es der Mittelwert der Noten der geschriebenen Klassenarbeiten zum Ausdruck bringen kann. Ich kenne keine Kollegin und keinen Kollegen, die / der dieser These nicht zustimmen würde. Gleichwohl fehlt es bislang gerade für die Mathematik an hinreichend vielen praktikablen Ansätzen und Anregungen. Hierzu führen wir in verschiedenen Grundschulklassen Unterrichtsversuche durch. Kinder wollen lernen und leisten. Diese Lernfreude zu erhalten, dazu wollen wir einen Beitrag leisten. Mir erscheint ein solcher Input gerade in den Zeiten wichtig zu sein, in denen die sog. Output-Orientierung als Allheilmittel der Qualitätsentwicklung an Schulen aufgebaut wird.

(Nev)

 
 
Monday, 20. November 2017 / 23:55:01