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Mathe-Treff Mathe & Leute

Spanisch für Fort-Geschrittene 1

Pia Siekmann spricht über Mathematik und ihr Studium

Bochum, 30. März 2009  Das Studium der Mathematik erweist sich seit eh und je als eine Hürde, die den meisten Studienanfängern schon in den ersten Semestern große Schwierigkeiten bereiten kann. Welche Hintergründe und Motive über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, möchte der Newsletter in einer Serie von Gesprächen im Einzelfall darstellen.

Unser Treffen findet an der Universität Bochum statt. Parallel zum SINUS-Kongress „Zukunft gestalten, Chancen wahrnehmen“ werden wir heute auch über Schwierigkeiten sprechen, die sich beim Mathematik-Studium ergeben können.

MT: Wie fühlt man sich unter hunderten von Mathematiklehrerinnen und -lehrern, die hier und heute das Audimax bevölkern?

PS: Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie viele Lehrer bei diesem herrlichen Wetter den gesamten Tag investieren, um an diesem Kongress teilzunehmen. Dies erinnert mich etwas an meine Schulzeit in der Oberstufe. Damals hatte ich unter anderem das Vergnügen, an einem sehr motivierenden und interessanten Mathematikunterricht teilnehmen zu dürfen.

MT: Resultiert aus dieser Zeit der Berufswunsch Lehrerin zu werden?

PS: Genau! Und inzwischen bin ich diesem Ziel auch relativ nahe gekommen. Nach einem weiteren Auslandsaufenthalt in Spanien, der sich über das kommende Wintersemester erstrecken wird, sollte ich, wenn alles gut geht (lacht!) im Sommer 2010 mein Studium beenden und mit dem Vorbereitungsdienst beginnen.

MT: Dies wird also nicht das erste Auslandssemester werden. Vielleicht sollten wir unseren Lesern verraten, um welches Studium es speziell geht. Vor allem ist natürlich auch die Verbindung zur Mathematik von Interesse.

PS: Momentan studiere ich Französisch und Spanisch  für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen. Als Schülerin hatte ich die Fächer als Leistungskurse belegt. In diesen beiden letzten Jahren vor dem Abitur entdeckte ich auch meine Intentionen für den Lehrerberuf. Dabei war klar, dass Französisch auf jeden Fall in meiner Fächerkombination enthalten sein sollte.

MT: Demnach müsste Mathematik als zweites Fach im Fokus gestanden haben.

Foto von Pia SiekmannPS: Tatsächlich ging es von Anfang an um Französisch und Mathematik. Das waren auch meine Schwerpunkte in denen ich viel Nachhilfeunterricht erteilte und – wie bereits erwähnt – schon als Schülerin mein Interesse und meine Fähigkeiten für den Beruf des Lehrers entdeckte. Die sehr positiven Eindrücke im Verlauf des Orientierungspraktikums, was man heute bereits im ersten Studiensemesters an einer Schule absolvieren muss, haben meinen Entschluss, in den Schuldienst zu gehen, dann weiter  bekräftigt. Hinzu kommen meine Unterrichtserfahrungen, die ich in Frankreich, während meines ersten Auslandssemesters erleben durfte.

MT: Wahrscheinlich ging es dabei um Mathematikunterricht in der Landessprache?

PS: Nein (lacht)! Ich habe dort insgesamt an drei Schulen gearbeitet. Und natürlich war man insbesondere an Deutsch-Unterricht interessiert.

MT: Okay! Sprechen wir vielleicht noch einmal über die eigene Schulzeit.

PS: Meine damalige Mathematiklehrerin verstand es ausgezeichnet, den Kurs zu motivieren. Natürlich gab es auch bei uns einige Mitschüler, die keinen Bezug zur Mathematik hatten und nur wenig zum Unterricht beitragen wollten. Insgesamt lief es jedoch eigentlich sehr gut. Ich selbst hatte nirgends Schwierigkeiten und die Arbeit machte wirklich Spaß. Aus dieser Laune heraus entstand die Idee, neben Französisch vielleicht Mathe als zweites Fach zu wählen. Meine Begeisterung war seinerzeit sogar so groß, dass ich warnenden Hinweisen von verschiedenen Seiten keinerlei Beachtung schenken mochte.

MT: Auf jeden Fall ist es sehr erfreulich zu sehen, wie souverän junge Frauen heutzutage mit ihren Studienplänen umzugehen pflegen.

PS: Ich muss zugeben, dass ich bis zum Beginn der Vorlesungen durchaus der Meinung war, die richtige Wahl getroffen zu haben, unabhängig von den vielen Pros und Contras, die ich im Vorfeld zu hören bekam. Umso mehr war ich natürlich schockiert, als das Semester schließlich startete und ich zwischen den Versuchen das Dargebotene nachzuvollziehen, mitzuschreiben und in Form der wöchentlichen Übungen wieder zurückzuspiegeln, nach wenigen Wochen völlig ins Hintertreffen geriet.

MT: Wurde während des ersten Semesters ein Computer-Algebra-System verwendet?

PS: Ja, wir haben – vor allem in Analysis – MAPLE eingesetzt, was für mich natürlich eine weitere, zusätzliche Hürde darstellte, da ich in der Schule vorher nie mit solch einem System gearbeitet hatte. Während der Schulzeit haben wir in allen Fächern sowieso äußerst selten einmal den Computerraum genutzt.

MT: Neben den Problemen in der Infinitesimalrechnung haben Studienanfänger in der Linearen Algebra oft mit dem Matrizenkalkül zu kämpfen.

PS: Das musste ich leider auch feststellen. Matrizen hatte ich in meinem Grundkurs nur in sehr rudimentären Zusammenhängen kennenlernen dürfen. Von daher waren dann die zugrundeliegenden algebraischen Strukturen komplettes Neuland, ebenso wie die gesamte, detailliertere, damit verbundene Rechnung. Insgesamt wurde mir nach und nach deutlich, dass mir entscheidende mathematische Standardwerkzeuge und -verfahren nicht bekannt waren, wodurch noch weniger Zeit blieb, sich den eigentlich vorliegenden, theoretischen mathematischen Problemen widmen zu können.

MT: Allem Anschein nach ist es wohl den üblichen Übergangsschwierigkeiten von der Schule zur Universität zu verdanken, dass „unzähligen“ Schülerinnen und Schülern für die nächste Zukunft eine im Grunde sehr begabte und äußerst motivierte Mathematik-Lehrerin verloren gegangen ist. Wie könnte die Universität helfen, den Einstieg ins Studium etwas zu erleichtern?

PS: Als besonders abschreckend empfand ich die fast perfekte Anonymität in den Hörsälen, wo wir zunächst mit 400 bis 500 Zuhörern starteten. Dass es insgesamt nicht so gut lief, machte sich bald dadurch bemerkbar, dass sich die Anzahl der Hörer nach ca. vier Wochen mehr als halbiert hatte. Große Mühe hatte ich, überhaupt eine sinnvolle Mitschrift anzufertigen, weil das Tempo einfach atemberaubend war. Auch die Übungsgruppen waren zu groß angelegt. Mit weit über 20 Studenten waren hier die Verhältnisse schlechter als an der Schule. Individuelle Betrachtungen waren dadurch gar nicht möglich. Irgendwie müsste man Bedingungen schaffen, in denen in kleinen Gruppen aktiv an den vorliegenden Problemen gearbeitet werden könnte. Demotivierend fand ich auch eine Bemerkung eines Dozenten, der über einen Fehler in einer Klausur sprach. Dieser stamme aufgrund seiner enormen Schlichtheit wahrscheinlich von einem Lehramtsstudenten. Überhaupt konnte ich mich bei den Dozenten oft nicht des Eindrucks erwehren, dass viele die Schulmathematik eher als einen Witz oder als eine Art Randnotiz betrachteten. Merkwürdig erschien mir ferner, auf Dozentenebene eine Frauenquote von Null vorzufinden.

MT: Als durchaus erfreulich sollten wir abschließend auf jeden Fall festhalten, dass unserem Land demnächst eine sehr motivierte und hoch kompetente Französisch- und Spanisch-Lehrerin ins Haus steht.

PS: Oh, danke, danke (lacht!). Ich werde mir Mühe geben, diesem Anspruch zu genügen. Ich freue mich wirklich sehr auf meine Arbeit in der Schule. Und Mathe mag ich trotz alledem noch (lacht)!

(rm)

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1 Fortschritt darf hier gleichermaßen als positive Entwicklung und als Fortgang im Sinne von Sich-Entfernen betrachtet werden.

 
 
Saturday, 25. November 2017 / 02:39:43