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Mathe-Treff: Magazin - Mathe & Leute
Heinz Klaus Strick und die 1,96-sigma-Umgebung

Seit vielen Jahren vertritt Heinz Klaus Strick eine Konzeption zur Beurteilenden Statistik, die darauf abzielt, Theorie weitgehend im Hintergrund zu halten, um die typisch stochastischen Denkweisen deutlicher hervortreten zu lassen. Im Kern geht es ihm darum, die Idee der Approximation im Sinne des Satzes von Laplace-Moivre zwar zu verwenden, diese Approximation aber zunächst induktiv einzuführen, ohne den Satz selber anzusprechen. Man rechnet mit festen sigma-Umgebungen symmetrisch zum Erwartungswert. Geht man etwa von einer 95%-Sicherheits-wahrscheinlichkeit aus, so kommt man zu einer 1,96-sigma-Umgebung.

MT: Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrer Konzeption im eigenen Unterricht? Geht auch bei Ihnen in der Stochastik manchmal etwas schief?

H. Strick: Selbstverständlich haben auch in meinem Unterricht Schülerinnen und Schüler gelegentlich (? - fragen Sie meine Schüler/innen) Schwierigkeiten, Sachverhalte oder Feinheiten (z. B. bei Formulierungen) zu verstehen; deshalb bemühe ich mich zunächst immer darum, an einfachen Modellen (manche Kollegen/innen nennen das in Verkennung des Stellenwerts solcher Modelle auch schon einmal "Würfelbuden-Mathematik") klare Vorstellungen zu vermitteln.

MT: Hat Ihr Ansatz nur Vorteile oder bringt er auch Nachteile mit sich?

H. Strick: Der Vorteil dieses Ansatzes liegt sicherlich in der Reihenfolge der möglichen Themenbehandlung: erst "Schluss von der Gesamtheit auf die Stichprobe" (als bloße Anwendung der sigma-Regeln im Hinblick auf eine Prognose für durchzuführende Zufallsversuche), dann das "Testen von Hypothesen" (bei dem ein Stichprobenergebnis mit der Prognose einer hypothetischen Erfolgswahrscheinlichkeit verglichen wird und dann gemäß vorher vereinbarter Entscheidungsregel "beurteilt" wird) oder der "Schluss von der Stichprobe auf die Gesamtheit" (bei dem alle möglichen Hypothesen betrachtet werden).
Bzgl. der Nachteile fragen Sie besser die Kollegen/innen, die ihre Probleme mit dem Ansatz haben ...

MT: Wie reagieren Kolleginnen und Kollegen?

H. Strick: Die Kollegen/innen, die die Konzeption gut finden, melden dies von Zeit zu Zeit positiv zurück (auch ich freue mich über "Streicheleinheiten"); von den anderen höre ich eher selten etwas. Ich befürchte allerdings, dass manche ihre eigenen Probleme mit der Stochastik auf den verschieben, der die Stochastik als schulisches Gebiet engagiert vertritt.

MT: In Ihrer "Einführung in die Beurteilenden Statistik" (Schroedel) steht ein Kapitel zum Chi-Quadrat-Test. Wir sind sicher, dass Sie darüber sehr lange nachgedacht haben. Und es ist mit Sicherheit sehr interessant. Haben sie dazu schon eigene unterrichtliche Erfahrungen?

H. Strick: Ohne unterrichtliche Erprobung hätte ich dieses Kapitel nicht schreiben können. Ich habe vor allem sehr positive Erfahrungen mit Schülern/innen gemacht, die im Biologieunterricht etwas über den Chiquadrat-Test gehört, aber nicht verstanden hatten, und nach der Behandlung im Mathematikunterricht mit mehr Verständnis mit den Aussagen der Biologen umgehen konnten.
Wer die Logik der sigma-Regeln verstanden hat, kann auch die Aussage des Chiquadrat-Tests verstehen. Es handelt sich dabei nur um eine Verallgemeinerung der Idee: Ergebnisse, die zu weit vom Erwartungswert entfernt liegen, führen zum Verwerfen einer Hypothese. Die Zufallsgröße Chiquadrat gibt nur ein Maß für die "Entfernung" zum Erwartungswert an. Wichtig ist die Erkenntnis, dass sigma-Regeln und kritische Werte beim Chiquadrat-Test im Falle des Freiheitsgrads 1 übereinstimmen.

MT: Sind Sie die Stochastik nicht manchmal leid?

H. Strick: Ich bin es manchmal leid, wenn man versucht, mich nur auf die Stochastik zu reduzieren ... Nein, im Ernst: Regelmäßig, wenn ich Zeitung lese, stoße ich auf Phänomene, Missverständnisse, Aussagen, Prognosen, ... , die bei näherem Hinsehen so nicht stimmen können - stets neue Anregungen für meinen Unterricht ... Zurzeit sehe ich da kein Ende ...

MT: Sie sind der Leiter eines großen Gymnasiums in Leverkusen, Sie schreiben ständig Artikel und arbeiten immer an neuen Büchern. Wann schlafen Sie, oder ernsthafter, wie machen Sie das alles?

H. Strick: Ich schreibe nur das auf, was mich methodisch-didaktisch bewegt. Das macht Spass und hat auch "entspannenden" Charakter ... (Stressabbau durch Mathematik)

MT: Und wenn es das überhaupt gibt: Haben Sie auch noch andere Hobbies neben Mathematik?

H. Strick: Ist es notwendig, weitere Hobbys zu haben? Wer kann schon sagen, dass er Beruf und Hobby miteinander verbinden kann? (Trotzdem: Ich höre gern klassische Musik - und oft mache ich beides gleichzeitig!)

MT: Vielen Dank.

Mit Heinz K. Strick sprach R. Neveling