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Mathe-Treff: Magazin - Mathe & Leute
Prof. Dr. Dr. E. Chr. Wittmann zu Grundfragen des Mathematikunterrichts und zu den aktuellen Veränderungen des Schulsystems in NRW

Prof. Wittmann zu Grundfragen des Mathematikunterrichts Ende des letzten Sommersemesters wurde E. Ch. Wittmann emeritiert. 1969 hat er als 30-jähriger die Nachfolge von W. Oehl angetreten und über dreißig Jahre an der Universität Dortmund gelehrt. Er ist als Experte für die Grundlagen der Mathematikdidaktik international bekannt. Das Projekt mathe2000 im Bereich der Primarstufe ist eng mit seinem Namen verknüpft. Der Mathetreff konnte sich immer auf seine Bereitschaft zur Mitarbeit verlassen und ist dafür dankbar.

Zur Person:
E.Ch. Wittmann wurde als Schüler eines "Deutschen Gymnasiums" in Bayern (Hauptfach Deutsch, Spielen von Geige oder Klavier für jeden Schüler Pflicht) mit Literatur und Musik gründlich vertraut gemacht. Er liebt besonders die Musik der Romantik (Schubert, Mendelsohn, Brahms, Bruckner, Dvorak, Sibelius, ...). Im Alter von 50 Jahren hat er mit Hochtouren in den Alpen angefangen und inzwischen mit Schweizer Kollegen 10 Viertausender und ca. 10 anspruchsvolle Dreitausender bestiegen. Im Frühjahr ist er in den Alpen immer eine Woche mit Schneeschuhen unterwegs und genießt die "Langsamkeit". Er ist BVB-Fan, hat allerdings den Kauf einer Dauerkarte für das Westfalenstadion für unbestimmte Zeit suspendiert. In der Mathematik interessiert er sich für diejenigen Bereiche bzw. Aspekte, die für die Allgemeinbildung wichtig sind: die Elementarmathematik, in der er nach wie vor aktiv ist, sowie für wissenschaftsgeschichtliche und philosophische Bücher über Mathematik mit authentischen Äußerungen großer Mathematiker über ihre Erfahrungen in der Forschung.


MT: Sehr geehrter Herr Professor Wittmann, Sie haben sich Ihr gesamtes Berufsleben mit Mathematik und Mathematikdidaktik beschäftigt. Was führt zum Verstehen von Mathematik? Worin bestehen Ihre wesentlichen Einsichten in der Mathematikdidaktik? Kann man das überhaupt kurz und griffig sagen?

Prof. Wittmann: Die schönste Antwort auf die erste Frage hat André Revuz in seinem Buch "Ist es unmöglich Mathematik zu unterrichten?" gegeben: "Man kann die Mathematik nur verstehen, indem man sie selbst erschafft, indem man keine Autorität zuläßt, die sie vermittelt, und indem man selbst den Wert dessen bewertet, was man akzeptiert. In einem bestimmten Sinn kann man sich die Mathematik nur selbst beibringen, und jemanden unterrichten, kann nur heißen, günstige Bedingungen dafür zu schaffen, daß der andere sich selbst unterrichten kann." Die Mathematikdidaktik erhält dadurch eine klare Aufgabe: Sie muss den Lehrerinnen und Lehrern helfen, günstige Bedingungen für aktiv-entdeckendes Lernen zu schaffen. Nach meiner Erfahrung leistet sie das durch allgemeine Beschreibungen, ggf. illustriert durch einzelne Unterrichtsvorschläge, in nur sehr beschränktem Maße. Das einzige, was wirklich weiterführt, sind vollständig ausgearbeitete, schlüssige Curricula, die auf einem Gesamtkonzept von Mathematiklernen vom Kindergarten bis zum Abitur beruhen. Wesentlich dabei ist, dass man sich dabei am mathematischen Forschungsprozess orientiert, nicht an der fertigen Mathematik.

MT: Was bedeutet das für die Grundschule und für die Sekundarstufen?

Prof. Wittmann: Für die Grundschule war es ein großes Glück, dass 1985 unter der Federführung von Heinrich Winter in Nordrhein-Westfalen ein Jahrhundertlehrplan entstanden ist, der eine praxisorientierte Entwicklungsforschung angeregt und unterstützt hat. Die positiven Einflüsse auf Unterricht und Lehrerausbildung sind heute in den Grundschulen aller Bundesländer sichtbar. In den Sekundarstufen dagegen ist die Situation sehr unbefriedigend.

MT: Ihre "Grundfragen des Mathematikunterrichts" von 1974 sind aus der Lehrerbildung nicht wegzudenken. Nun haben wir gehört, Sie spielen mit dem Gedanken, das Buch zu überarbeiten. Wir glauben, das würde viele Kolleginnen und Kollegen interessieren. Werden Sie es tun und in welche Richtung werden sie es tun?

Prof. Wittmann: Die "Grundfragen" fußen auf einem noch vagen Verständnis von "Mathematikdidaktik" als "design science". In den folgenden drei Jahrzehnten hat sich diese Auffassung konkretisiert. Heute sind das Design, die empirische Erforschung und die Implementierung substanzieller Lernumgebungen als zentrale Aufgabe der Mathematikdidaktik klar fixiert. Die Erfahrungen mit "mathe 2000" zeigen, dass didaktische Neuansätze, die durch Lernumgebungen konkretisiert und auf ein schlüssiges Curriculum bezogen sind, von Lehrerinnen und Lehrern um Größenordnungen besser verstanden und umgesetzt werden, als allgemeine Empfehlungen. In den neuen "Grundfragen" möchte ich versuchen, das "Denken in substanziellen Lernumgebungen" zur Geltung zu bringen.

MT: Natürlich haben viele Kollegen zudem ein großes Interesse an Geometrie. Ihre "Elementargeometrie und Wirklichkeit" wurde geschrieben, als es dynamische Geometriesoftware noch nicht gab. Planen Sie da auch eine Überarbeitung oder Ergänzung?

Prof. Wittmann: Ja. "Elementargeometrie und Wirklichkeit" soll als Steinbruch für ein Buch "Geometrie als Prozess" dienen, das analog aufgebaut sein wird wie "Arithmetik als Prozess". Die dynamische Geometriesoftware ist ein ideales Werkzeug für die Umsetzung des operativen Prinzips und wird in dem neuen Buch sicherlich eine prominente Rolle spielen.

MT: Die neuen Begriffe in der Schule sind Outputorientierung, Kernlehrpläne und Lernstandserhebungen. Sind das die richtigen Instrumente, um den Problemen unseres Bildungssystems angemessen zu begegnen?

Prof. Wittmann: Da bin ich äußerst skeptisch. Ich kann und möchte natürlich niemanden hindern, in dieser Richtung zu arbeiten, halte diesen Weg aber für nicht erfolgversprechend, auch wenn er zur Zeit unter dem Einsatz großer Finanzmittel und unter erheblichem Druck der Bildungsadministration auf die Lehrerschaft verfolgt wird. In meiner Einschätzung lebt in "Outputorientierung, Bildungsstandards, Kompetenzen, Bildungsmonitoring" usw. die Lernzielorientierung der sechziger und siebziger Jahre wieder auf. Man hätte glauben können, dass eine so zutiefst fachfremde Bewegung nach der Freudenthalschen Fundamentalkritik an "Lernzielen am dürren Holze" ein für allemal erledigt sei. Aber das war offensichtlich ein Irrtum. Dass Bildungspolitiker heute empirische Pychologen und Bildungsforscher, die vom Fach nicht die leiseste Ahnung haben, als Retter des Mathematikunterrichts ansehen und ihnen Narrenfreiheit gewähren, finde ich beängstigend. Ich kann es nur bedauern, dass Mathematikdidaktiker, die es eigentlich besser wissen müssten, da mehr oder weniger überzeugt mitspielen. Im Projekt "mathe 2000" werden wir "jenseits von PISA" auch für die Sekundarstufen den Weg zu einer Reform des Mathematikunterrichts beschreiten, der für die Grundschule erfolgreich war: vom lebendigen Fach aus, praxisorientiert und systemisch, d.h. unter Rückversicherung bei den Lehrerinnen und Lehrern.

MT: Einen richtigen Ruhestand können wir uns bei Ihnen nicht vorstellen. Der Mathetreff wünscht Ihnen für die Zukunft viel Gesundheit und Freude bei der Arbeit. Vielen Dank.