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Wir über uns - Jahresrückblicke
 

 
 

26.08.2016

Ganztagsberufsschule in der gesunden Schule (GigS)

GigS – nur ein Tag Berufsschule in der Woche mit gesunder Ernährung und Powerpausen

Die Ganztagsberufsschule in der gesunden Schule (GigS) wurde im Jahr 2006 als Modellversuch in Nordrhein-Westfalen begonnen und über drei Jahre erprobt. Drei Berufskollegs mit drei unterschiedlichen handwerklichen Bildungsgängen haben sich daran beteiligt. Seit 2010 gibt es GigS als dritte Organisationsform neben dem Teilzeitberufsschul- und Blockunterricht. Zurzeit nutzen es 32 Bildungsgänge an 21 Berufskollegs. Angeboten wird es in 18 Berufen, die meisten davon aus dem Handwerk. Knapp 2.000 Auszubildende werden im Rahmen von GigS beschult. Das sind etwa 0,7 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an den Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen.

Der Geschäftsführer der GigS-Geschäftsstelle bei der Bezirksregierung Düsseldorf, Torsten Schmidt, hat sich für ein Interview mit uns zur Verfügung gestellt:

Herr Schmidt, warum wurde die Ganztagsberufschule eingeführt?
Torsten Schmidt: Vornehmliches Ziel war, die Zahl der Ausbildungsplätze zu erhöhen. Durch die längere Anwesenheit der Auszubildenden im Betrieb, also in kleinen und mittelgroßen Unternehmen, sollte und soll die Bereitschaft erhöht werden, wieder auszubilden.

Nur ein Tag Berufsschule in der Woche – Wie kann das funktionieren?
Torsten Schmidt: Statt anderthalb oder zwei Tage die Woche kommen die Auszubildenden nur noch für einen zehnstündigen Unterrichtstag an die Berufsschule. Zudem gibt es zwei Blockwochen pro Jahr, deren Verteilung mit den Innungen abgesprochen wird. Der Effekt der Verdichtung: Die Auszubildenden sind über die gesamte Lehrzeit gesehen bis zu 42 Arbeitstage mehr im Betrieb. Darauf müssen sich Berufskollegs jedoch organisatorisch einrichten.

Wie unterscheidet sich der GigS -Tag von einem normalen Berufsschultag?
Torsten Schmidt: Damit der längere Schultag die Jugendlichen nicht überfordert, wird der Unterricht anders strukturiert. Die kognitiv anspruchsvollen und lernintensiven Inhalte werden am Vormittag vermittelt, wenn die Schüler noch richtig fit sind. Praktische Tätigkeiten, Routineübungen oder berufsübergreifende Fächer legt man in die Nachmittagsstunden. Die Begleitforschung während der Modellphase hat gezeigt, dass GigS-Schüler nicht mehr gestresst sind als ihre Kollegen mit konventioneller Beschulung und dass sie genauso leistungsfähig sind.

Was hat es mit dem Aspekt des gesunden Essens auf sich?
Torsten Schmidt: Der zweite wichtige Faktor neben dem didaktischen Konzept ist die gesunde Ernährung. Die Schüler können den ganzen Tag über im Unterricht Wasser oder Säfte trinken. Zum Frühstück kommen Körnerbrötchen mit Käse, Tomate und Gürkchen auf den Teller oder Müsli in die Schale. Mittags wird unter anderem Salat serviert. Obst und Kuchen überbrücken die Zeit bis zum Unterrichtsende. Alle Mahlzeiten werden von Lehrern und Schülern gemeinsam eingenommen. Das fördert den Zusammenhalt und verbessert die Kommunikation. Die Preise für die gesunde Ernährung sind überschaubar. Pro Tag fallen zwischen 2,50 und 6,50 Euro an. Optimalerweise übernehmen die Betriebe die Hälfte der Kosten. Diese können sie wiederum bis zu 500 Euro im Jahr für die Gesundheitsförderung ihrer Mitarbeiter steuerlich absetzen.

Und die Bewegung?
Torsten Schmidt: Der dritte elementare Baustein von GigS ist das Bewegungskonzept und die 'Power-Pausen'. Für jeden Beruf werden spezielle Übungen entwickelt. Sie können im Sport- oder Fachunterricht während der variabel eingestreuten Pausen gemacht werden und sollen dabei helfen, die durch das Sitzen entstandenen Verspannungen zu lösen und die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen. Langfristig wird die Muskulatur durch die Übungen gestärkt. GigS macht den Auszubildenden bewusst, dass sie sich regelmäßig bewegen und gesund ernähren müssen, damit sie möglichst lange in ihrem erlernten Beruf aktiv sein können.

Wie bewerten Sie die Organisationsform der Ganztagsberufsschule nach nunmehr zehn Jahren?
Torsten Schmidt: Vor zehn Jahren waren viele skeptisch. Überforderung der Auszubildenden, Arbeiten der Lehrerteams bis in den späten Nachmittag waren häufig gehörte Vorbehalte gegen den Ganztag. Gesunde und leistungsfähige Schüler, zufriedene Lehrer und Chefs, die ihre Auszubildenden mehr im Betrieb einsetzen können. Die Ganztagsberufsschule in der gesunden Schule (GigS) hat sich an den weitaus meisten Berufskollegs, die GigS durchführen, zum Erfolgsmodell entwickelt. Doch es gibt einen kleinen Schönheitsfehler: Leider ist GigS auch nach zehn Jahren den Wenigsten in Nordrhein-Westfalen bekannt.

Wie sieht die Zukunft der GigS aus?
Torsten Schmidt: Etwas mehr als sechs Prozent der 350 Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen bieten GigS an. Möglich wären sicherlich 50 Prozent und mehr. Der Flaschenhals ist häufig die Versorgung, denn nicht alle Berufskollegs haben eine Mensa oder eine Cafeteria.

Verfasser: Torsten Schmidt

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